06.02.2018  Bessere Work-Life-Balance dank Warnstreiks

Der IG-Metall-Deal macht das Land moderner und dynamischer

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Demonstrant auf Kundgebung der IG Metall
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Demonstrant auf Kundgebung der IG Metall

So viel Lob bekommen IG Metall Baden-Württemberg und Arbeitgeberverband Südwestmetall von fast allen Seiten für ihren Tarifabschluss, da müsste manager-magazin.de vielleicht nicht auch noch mit einstimmen.

Doch das Signal aus Stuttgart hat eine Würdigung verdient. Eine bessere und vor allem flexiblere Work-Life-Balance war noch nicht oft das Ziel von Warnstreiks mit Trillerpfeifen und roten Fahnen. Arbeitszeitverkürzung an sich ist zwar ein Klassiker der Gewerkschaft. Ein individueller Anspruch auf befristete 28-Stunden-Woche oder das Wahlrecht zwischen Zusatzgeld und zusätzlicher Zeit aber sind Zeichen für eine Modernisierung des Arbeitsmarkts, die auch auf andere Branchen ausstrahlen werden.

Während es im Entwurf für den schwarz-roten Koalitionsvertrag unter der Überschrift "Eine neue Dynamik für Deutschland" noch heißt "Textentwurf fehlt", führen die Tarifpartner vor, wie ein Aufbruch geht.

Die Grenze zwischen Vollzeit- und Teilzeitkräften wird durchlässiger, aber ohne die Aufgabe von (für beide Seiten vorteilhafter) Sicherheit im tariflich geregelten Normalarbeitsverhältnis. Auch Schichtarbeiter in der Metallindustrie haben Kinder und/oder pflegebedürftige Angehörige wollen anderweitig am sozialen Leben teilhaben oder auch eine Auszeit gegen Burnout - und wenn es ins eigene Leben passt, sich wieder stärker dem Job widmen.

Diese Öffnung ist nicht nur für die alternde Gesellschaft wichtig. Mit der Aussicht auf zufriedenere und besser motivierte Beschäftigte ist auch den Unternehmen geholfen - eine Einsicht, die in Start-ups die Runde macht, aber Deutschlands hocheffizienter Vorzeigeindustrie mindestens ebenso gut zu Gesicht steht.

Die EZB bekommt das Signal, auf das sie für die Zinswende gewartet hat

Die Hoffnung auf höhere Produktivität durch längere Arbeitszeit ist ohnehin höchst zweifelhaft. Und wo doch mal Bedarf ist, bietet der Kompromiss den Arbeitgebern trotz ihrer in dieser Tarifrunde schwachen Verhandlungsposition auch etwas: Sie können mit mehr Beschäftigten ausnahmsweise Verträge über eine 40- (statt 35-)Stunden-Woche schließen.

Zugleich muss sich niemand sorgen, dass die Metaller einer Hippiekultur verfallen, in der Freizeit generell mehr gilt als Geld, nach dem Motto - Wir haben doch schon genug.

So hatte beispielsweise Bundesbankpräsident Jens Weidmann kürzlich die international beargwöhnte deutsche Lohnzurückhaltung erklärt: Die Gewerkschaften zeigten einfach nicht mehr so starkes Interesse an mehr Geld, das sie in dieser konjunkturellen Lage sonst reichlich herausholen könnten.

Aber die Wahrheit ist: Neben dem Durchbruch in der Arbeitszeitfrage haben die Tarifpartner auch einen Ausbruch aus dieser Lohnzurückhaltung geschafft, die lange Zeit ein wichtiger Ausdruck mangelnder Dynamik in Deutschland war: Das Land drohte sich aus Selbstzufriedenheit mit Nullwachstum, Nullinflation und Nullzinsen dauerhaft einzurichten.

Die Komplexität des Abschlusses mit 27 Monaten Laufzeit und mehreren Komponenten (4,3 Prozent Lohnerhöhung plus 100 Euro Einmalzahlung, 400 Euro Festbetrag für 2019 und Zusatzgeld von 27,5 Prozent des Monatseinkommens) hat manche Volkswirte zu der Schnellschätzung gebracht, unterm Strich stiegen die Einkommen langsamer als bisher. Laut dem Tarifexperten Thorsten Schulten vom gewerkschaftsnahen Institut WSI aber lässt sich der Abschluss in 4 Prozent mehr Lohn für 2018, nochmal ähnlich viel für 2019 (und dafür einen moderaten Start ins Jahr 2020) übersetzen.

4 Prozent, das ist mehr als das Inflationsziel von 2 Prozent (von der tatsächlich gemessenen Teuerung ganz zu schweigen) und die bisher um weniger als 1 Prozent wachsende Produktivität. Unternehmen, für die der Abschluss teuer ist, haben einen Anreiz, mit Preisen und Produktivität zu reagieren.

Wenn andere Branchen dem Beispiel folgen (angesichts ihrer meist nicht ganz so rosigen Lage vermutlich mit etwas Abschlag), zeigt die reale Einkommensdynamik nach oben. Und die Europäische Zentralbank hat das Signal, das sie braucht, um die langerwartete Zinswende tatsächlich einzuleiten.

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