05.07.2018 
Revolution auf dem Arbeitsmarkt

Warum es ab 2020 für die Mittelschicht brutal wird

Ein Gastkommentar von Walter Sinn
Maschine im Mittelpunkt. Produktion bei Glory, einem japanischen Hersteller von Geldautomaten.
REUTERS
Maschine im Mittelpunkt. Produktion bei Glory, einem japanischen Hersteller von Geldautomaten.

Walter Sinn
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    Walter Sinn ist Deutschlandchef der Unternehmens-beratung Bain & Company.

Personalchefs spüren es täglich: Neue Mitarbeiter sind kaum noch zu finden. Und schon gar nicht hoch qualifizierte Experten. Doch der Fachkräftemangel ist nur das erste Anzeichen für einen gewaltigen Umbruch, der in den 2020er-Jahren ansteht. In der kommenden Dekade werden Unternehmen allerorts mit enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Turbulenzen zu kämpfen haben.

Eine alternde Bevölkerung, eine gigantische Modernisierungs- und Rationalisierungswelle sowie eine stark zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen werden die Industriestaaten in den nächsten 10 bis 15 Jahren erschüttern. Die Verwerfungen am Arbeitsmarkt erodieren die Mittelschicht und erzeugen gesellschaftliche und wirtschaftliche Instabilität. Vor diesem Hintergrund müssen Unternehmen technologiebedingt rationalisieren und gleichzeitig gezielt um Topleute werben. Außerdem gilt es, verstärkte staatliche Interventionen einzukalkulieren und sich an ein verändertes Konsumverhalten breiter Bevölkerungsschichten anzupassen.

Digitalisierungswelle überkompensiert Fachkräftemangel

Über Jahrzehnte konnten Unternehmen auf ein schier unerschöpfliches Potenzial an Erwerbskräften zugreifen. Zuerst fluteten die Babyboomer den Arbeitsmarkt, dann kamen immer mehr berufstätige Frauen oder gut ausgebildete Migranten hinzu.

Doch die Ära des Überflusses geht zu Ende. In den kommenden 10 bis 15 Jahren löst die Alterung der Bevölkerung in der gesamten entwickelten Welt einen nie gekannten Mangel an Arbeitskräften aus. Selbst im Einwanderungsland USA nimmt die Zahl der Erwerbstätigen nur noch minimal zu. In Westeuropa schrumpft sie sogar. China steht infolge der Ein-Kind-Politik noch stärker unter Druck.

Um das Defizit an Arbeitskräften zu kompensieren, werden die Unternehmen mehr und mehr in digitale Technologien investieren, die jetzt über alle Branchen hinweg zur Verfügung stehen. So dürften allein in den USA bis 2030 rund 8.000 Milliarden US-Dollar für die technische Modernisierung der Wirtschaft ausgegeben werden. Die Lieferanten der digitalen Technologien können sich auf einen enormen Boom freuen.

Die Rationalisierung mithilfe von künstlicher Intelligenz, Vernetzung und Robotern steigert die Arbeitsproduktivität in den 2020er-Jahren gegenüber 2015 im Schnitt um 30 Prozent. In der Produktion, Energiewirtschaft und Logistik sowie im Transport, Handel und Gastgewerbe sind sogar Produktivitätsverbesserungen von 50 Prozent möglich, im Bildungs- und Gesundheitswesen von bis zu 20 Prozent. Autonom fahrende Autos, Spracherkennungssoftware oder selbstlernende Maschinen erledigen zudem verschiedenste Dienstleistungsaufgaben - in einfachen Verwaltungsjobs ebenso wie in hoch qualifizierten Berufen, beispielsweise Rechts- oder Finanzberatung.

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