13.07.2018 
Ermittlungen gegen deutsche Pharmafirma

Deutsches Gift in US-Todestrakten?

Pentobarbital ist der zentrale Wirkstoff, den US-Gefängnisse in Todesspritzen verwenden. Er ist in der EU-Anti-Folterverordnung aufgelistet. Die Ausfuhr ist genehmigungspflichtig, die Genehmigung werde aber sei Jahren schon nicht mehr erteilt
picture alliance/dpa
Pentobarbital ist der zentrale Wirkstoff, den US-Gefängnisse in Todesspritzen verwenden. Er ist in der EU-Anti-Folterverordnung aufgelistet. Die Ausfuhr ist genehmigungspflichtig, die Genehmigung werde aber sei Jahren schon nicht mehr erteilt

Die Staatsanwaltschaft im niedersächsischem Oldenburg ermittelt gegen ein Pharma-Unternehmen wegen des Verdachts illegaler Exporte giftiger Substanzen in die USA und nach Asien. Die Anklagebehörde bestätigte laut Nachrichtenagentur dpa Ermittlungen wegen des Verdachts von Verstößen gegen das Außenwirtschaftsgesetz. Diese richteten sich gegen mehrere Verantwortliche eines pharmazeutischen Unternehmens, "das im Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft Oldenburg eine Zweigniederlassung betreibt".

Nach einem Bericht von NDR Info und der "Süddeutschen Zeitung" handelt es sich um die zum US-Pharmakonzern Merck Sharp & Dohme (MSD) gehörende Firma VET Pharma Friesoythe GmbH im niedersächsischen Friesoythe. Beiden Medien zufolge geht es um mehrere Tonnen der Injektionslösung "Beuthanasia-D" zum Einschläfern von Tieren.

Der enthaltene Wirkstoff, Pentobarbital, wird in US-Gefängnissen immer wieder dazu benutzt, Menschen hinzurichten. Ausfuhren aus Europa sind deshalb streng überwacht.

Razzia bei Vet Pharma im niedersächsischen Friesoythe
Screenshot NDR/Hallo Niedersachen
Razzia bei Vet Pharma im niedersächsischen Friesoythe

Pentobarbital wird dem Bericht zufolge seit 2011 in der EU-Anti-Folterverordnung aufgelistet. Das Wirtschaftsministerium genehmigt den Export in die USA daher nur, wenn der Verbleib des Mittels lückenlos geklärt ist. So solle verhindert werden, dass deutsche Medizin in US-Todestrakten landet.

Eben diese Exportregelung sollen Mitarbeiter der VET Pharama bewusst umgangen haben, berichtet NDR Info unter Berufung auf den Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Oldenburg.

Der für die MSD-Tierarzneisparte zuständige Sprecher Marco Gassen erklärte auf dpa-Anfrage schriftlich: "Wir arbeiten als Unternehmen MSD Animal Health selbstverständlich bereits mit den Behörden in dieser Angelegenheit eng zusammen und werden dies auch in Zukunft tun." Da "Beuthanasia-D" in den USA nur als Tierarzneimittel zugelassen sei, habe man keinen Grund zu der Annahme, dass der Stoff jemals außerhalb der Tiermedizin verwendet wurde, zitiert NDR Info einen Pressesprecher der Gesellschaft zudem.

Laut Staatsanwaltschaft besteht der Verdacht, die Beschuldigten hätten 2017 und 2018 in fünf Fällen den Export pharmazeutischer Erzeugnisse mit dem Wirkstoff Pentobarbital nach Asien und Amerika veranlasst. 2018 hätten sie es in zwei weiteren Fällen versucht. Räume der Zweigniederlassung seien durchsucht worden. Daten und Unterlagen würden ausgewertet.

"Beuthanasia-D" soll laut Produktbeschreibung nur zum Einschläfern von Tieren verwendet werden
Screenshot NDR/Hallo Niedersachen
"Beuthanasia-D" soll laut Produktbeschreibung nur zum Einschläfern von Tieren verwendet werden

Laut NDR Info und SZ lieferte das niedersächsische Unternehmen die Medikamente an ein US-amerikanisches Schwesterunternehmen, die Intervet Schering-Plough Animal Health. Zwei weitere Lieferungen sollen nach Japan gegangen sein, auch in diesen Fällen habe keine Exportgenehmigung vorgelegen.

Noch keine Beweise, dass Gift tatsächlich in US-Gefängnissen gelandet ist

Dass das todbringende Mittel oder Chargen davon zum Einschläfern von Hunden tatsächlich in US-Gefängnissen gelandet ist, dafür gibt es dem Bericht zufolge bislang keine Beweise. Gleichwohl ist der Fall heikel. Denn weil europäische Hersteller Anfragen aus den USA nach dem Wirkstoff komplett ignorieren, sei Pentobarbital in den USA mittlerweile knapp geworden. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrgenehmigungen soll in den vergangenen Jahren ohnehin nicht einem Export der tödlichen Substanz mehr zugestimmt haben.

Viele Bundesstaaten in den USA würden deshalb die Vollstreckung von Todesurteilen aufschieben oder in den Todestrakten mit unerprobten Chemikalien experimentieren mit teils grauenhaften Resultaten und Folgen für die Hinzurichtenden. Auch käme es immer wieder zu Skandalen, weil sich Gefängnisse die tödlichen Spritzen illegal besorgten.

rei mit dpa

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