23.03.2018  Lebensmittel vom Wegesrand

Ist das die Zukunft des deutschen Supermarkts?

Von
Latebird

Deutschland ist ein Einkaufsparadies für Lebensmittel. Trotz der gewaltigen Marktmacht der großen vier Rivalen Edeka, Rewe, Aldi und Lidl ist der Wettbewerb knallhart und die Preise niedrig. Gleichzeitig fließen jährlich Milliarden in die Expansion und die Verschönerung der Filialen.

Technologisch allerdings ist Deutschland ein Entwicklungsland. Während bei Walmart in den USA Roboter Regale befüllen oder es in England kaum noch Kassen gibt, hat sich Deutschland am Einkaufsprozess nur wenig verändert. Trotz der allgegenwärtigen Angst vor Amazon steckt die Digitalisierung ganz am Anfang.

Die Schwarz Gruppe hat den Lieferdienst-Test beim Großflächendiscounter Kaufland beerdigt und die geplanten Abholmärkte für online vorbestellte Lebensmittel der Discount-Tochter Lidl kurz vor der geplanten Eröffnung eingestampft. Edeka erntet gerade einen Shit-Storm, weil die von Tengelmann übernommene Internet-Tochter Bringmeister seit Dezember Probleme hat, Waren vorzuhalten und Lieferzeitfenster einzuhalten.

Einzig Rewe macht Tempo. Die Kölner Genossenschaft konnte den Umsatz seines in 75 Städten aktiven Lieferdienstes im Vorjahr um 30 Prozent ausbauen, ist aber noch weit davon entfernt, schwarze Zahlen zu schreiben.

Ein ungewöhnliches Angebot, um zentrale Probleme des Online-Geschäfts zu lösen, kommt nun von einem Aluminiumspezialisten. Markus Belte hält seine Entwicklung für nichts weniger als die "deutsche Antwort auf Amazon Go". Während Amazon mit seinem vollautomatischen Mini-Markt zaghaft in die Expansion geht, hat Belte ein transportables Containermodul entwickelt, in dessen Innerem Platz für 650 Produktgruppen von Tiefkühlartikeln, über Getränke bis hin zu Obst und Gemüse ist.

Kunden können ihren Einkaufskorb vor Ort an einem Touchscreen oder per App bestellen. Wie ein riesiger Automat spuckt das LateBird-System die Waren sortiert nach Größe und Gewicht in drei Ausgabefächern aus. Personal benötigen die Module nur zum Nachfüllen der Artikel. Sind von Kunden gewünschte Produkte nicht vorrätig, führt Latebird den Verbraucher zum nächstgelegenen Container. Latebird ist damit mehr als eine simple Paketbox mit der einige Händler wie Edeka experimentieren und weitaus günstiger als eine Lieferflotte.

"Die Abholung der Waren kann auch durch eine andere Person erfolgen, da die Barecode-Kennung des Einkaufs unkompliziert per App weitergeleitet werden kann", sagt Belte. "Das Modul eignet sich sowohl für strukturschwache Regionen wie für hochfrequentierte Orte. Und wenn sich ein Standort als nicht ausreichend lukrativ erweist, kann es einfach zu einem anderen gefahren werden." Die Idee für das System kam dem Unternehmer beim Einkaufen. Die Öffnungszeiten der Märkte waren ihm nicht lang, das Online-Angebot nicht überzeugend genug.

Also machte sich der Experte für Aluminiumleichtbau an die Suche nach Partnern. Dabei wollte sich Belte eigentlich eine Auszeit gönnen. Nach Differenzen mit seinen arabischen Geschäftspartnern hatte die von ihm gegründete Belte AG, ein Dienstleister für Aluminiumwerkstoffe in den Bereichen Automotive, Energie, Maschinenbau und Luftfahrt, 2016 Insolvenz anmelden müssen. Heute firmiert das Unternehmen unter Newalu.

Doch Belte hielt es nicht lange zu Hause aus, machte sich mit der Firma Aluvation erneut selbstständig und tüftelte nebenbei an Latebird. Die Technik des Abholsystems stammt vom Start-up Relayr, an dem sich kürzlich die Deutsche Telekom beteiligt hat. Der Prototyp soll im August fertig sein und noch im laufenden Jahr von den ersten Handelspartnern genutzt werden. "Die Nachfrage ist sehr groß", behauptet Belte, der derzeit mit vielen Konzernen im In- und Ausland spricht. Ein großer deutscher Händler solle kurz vor der Unterschrift stehen.

Mehr zum Thema