22.02.2018  Megawatt von Vegawatt

Kritik an "Märchen vom veganen Stromtarif"

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Website des Anbieters Vegawatt
Website des Anbieters Vegawatt

Eine wachsende Zahl von Menschen in Industrieländern versucht, auf tierische Produkte aller Art zu verzichten. Ob Nahrung, Kleidung oder Autositze - nahezu jeden Bereich ihres Konsumenten-Lebens durchleuchten viele Veganer darauf, ob er potenziell Tieren schadet.

Auch in der breiten Palette der Stromversorgungstarife gibt es vegane Angebote. Vegawatt heißt beispielsweise ein Produkt der Technischen Werke Ludwigshafen (TWL). "Veganer Strom kann zum Beispiel nicht aus Windkraftanlagen kommen, weil es da das Problem mit Rotmilanen gibt", erläuterte TWL-Vorstandsmitglied Reiner Lübke zuletzt dem Fachdienst "Energate" mit Blick auf Fälle, in denen Greifvögel durch Rotoren zu Schaden gekommen sind.

Auch herkömmliches Biogas ist für Veganer ein No-Go, wird dieses doch häufig aus Gülle produziert, die wiederum aus der Massentierhaltung stammt. Die TWL setzen daher auf 100 Prozent Solarstrom, so Lübke - auch wenn es Veganer gebe, die Photovoltaikanlagen auf Schweineställen kritisch gegenüber stehen.

Manch ein Verbraucherschützer sieht den Tarif indes kritisch. Zwar sei die eher zurückhaltende Bewerbung grundsätzlich nicht zu beanstanden, sagt der Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW, Udo Sieverding, gegenüber manager-magazin.de. Energiewirtschaftlich sei das Angebot aber fragwürdig.

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"Es ist ein wenig Augenwischerei", sagt Sieverding. "Einige Kunden bekommen den schönen Solarstrom, doch Strom aus anderen Quellen wird ja dennoch benötigt. Den müssen dann andere Kunden nehmen."

Mit anderen Worten: Veganer picken sich die Rosinen aus dem Strommix, die anderen Verbraucher kaufen rechnerisch umso mehr Elektrizität aus anderen Quellen. Unterm Strich ändert sich nichts - anders als wenn sich viele Menschen vegan ernähren und somit die Massentierhaltung reduziert wird.

Die TWL widersprechen: "Deutschland befindet sich derzeit in der Energiewende, somit ist es technisch noch nicht möglich, den gesamten Bedarf mit Öko- beziehungsweise veganem Strom zu decken", sagt eine Unternehmenssprecherin. "Durch eine erhöhte Nachfrage der Verbraucher nach 'grünem Strom' wird der Strommix in Deutschland langfristig immer "grüner".

Das Unternehmen besteht darauf, dass Vegawatt-Kunden durch ihre Wahl den Solarstromanteil erhöhen: "Wie beim herkömmlichen Ökostrom geht es nicht darum, zu jedem Zeitpunkt Photovoltaik-Strom ins Netz einzuspeisen, sondern insgesamt den Anteil von Photovoltaikstrom im Strommix zu erhöhen."

Die Veganer-Vereinigung Proveg sieht es ähnlich. "Anbieter von konventionell erzeugtem Strom werden indirekt geschwächt", heißt es in der Geschäftsführung des Verbandes. "Grundsätzlich ist das eine schöne Sache, wenn sich ein Stromanbieter für Tierrechte und Umweltschutz einsetzt."

Sieverding bleibt bei seiner Kritik. "Ökostrom ist ein kompliziertes Thema", twitterte der Verbraucherschützer. "Das zeigt auch das Märchen vom Vegan Tarif." Konventionelle Erzeugung werde durch den Kauf von Herkunftsnachweisen nicht geschwächt.

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