10.04.2017  Erstes Magma-Kraftwerk soll Strom nach Europa liefern

Island zapft die Hölle an

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imago/blickwinkel

Island will seine Stromproduktion deutlich ausbauen - und greift dazu auf eine neuartige Form der Geothermie zurück: Energie soll künftig direkt aus Magma gewonnen werden. Forscher haben dazu jetzt ein 100-Millionen-Dollar-Projekt gestartet, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

Dabei bohren die Wissenschaftler ein gut zwei Kilometer tiefes Loch direkt in ein Magma-Feld. Magma ist jene bis zu 1250 Grad heiße Masse aus Gesteinsschmelze, die in Teilen des oberen Erdmantels und der tieferen Erdkruste vorkommt und bei Vulkanausbrüchen an die Oberfläche geschleudert wird.

Geht alles gut, ließe sich aus den Magma-Feldern zehnmal mehr Energie gewinnen als aus einer konventionellen Geothermie-Bohrung.

Hintergrund: Der angezapfte, so genannte überkritische Dampf aus Magmafeldern enthält ein Vielfaches der Kraft von Wasserdampf. Mehrere Versuche, derartigen Dampf für die Energiegewinnung zu nutzen, sind in der Vergangenheit gescheitert.

Kabel nach England geplant: Saubere Energie für 1,6 Millionen Haushalte

Schon jetzt gewinnt Island 27 Prozent seines Stroms aus Geothermie. Weitere 73 Prozent stammen aus Wasserkraft. Island ist eines von wenigen Ländern weltweit, die ihren Bedarf an Elektrizität vollständig aus erneuerbaren Energien decken.

Die potenziellen zusätzlichen Strommengen stünden vor allem dem Export zur Verfügung. Schon seit Jahren ist ein 1000 Kilometer langes Kabel nach Großbritannien geplant. Es könnte 1,6 Millionen britische Haushalte mit sauberer Energie versorgen.

Doch der Preisverfall auf den europäischen Strommärkten sowie Unsicherheiten nach dem Brexit-Votum haben das Projekt zurück geworfen. Zudem sehen viele Isländer den Stromexport kritisch, da sie in der Folge steigende Preise in der Heimat befürchten. Zahlreiche energieintensive Industrien haben sich in Island wegen des Billigstroms angesiedelt, darunter Aluminiumschmelzen und Serverfarmen.

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Ziel der Untersuchung ist es auch besser zu verstehen, wie Vulkanausbrüche funktionieren. Auf diese Weise sollen sich Dörfer besser vor den Folgen schützen können. Die Bohrungen im Zuge des Forschungsprojekts selber sollen ungefährlich sein. "Wir haben Magma schon bei früheren Bohrungen erreicht", zitiert Reuters Projektchef Hjalti Pall Ingolfsson. "Nichts deutet darauf hin, dass wir eine Eruption auslösen."

mit rtr

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