27.03.2017  Zukunft der Ökoenergie

Warum Wind- und Solarstrom bedroht sind

Von Claus Gorgs
Kompliziertes Zusammenspiel: Wind- und Kohlekraft
DPA
Kompliziertes Zusammenspiel: Wind- und Kohlekraft

3. Teil: "Wir wissen noch nicht, wie die Preisfindung laufen wird"

Noch funktioniert das System. Der Anteil der Ökoenergie am deutschen Strommix liegt bei knapp einem Drittel, Atom- und Kohlekraftwerke sorgen für eine zuverlässige Abdeckung des Grundbedarfs, an Tagen wie dem 24. Januar 2017 springen zusätzlich die teureren Gaskraftwerke ein. "Wir befinden uns in einer Übergangsphase", sagt Patrick Graichen, Chef der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende. "Bis zu einem Anteil von etwa zwei Dritteln Erneuerbaren kann der jetzige Mechanismus noch funktionieren. Danach sind wir in einer Welt, in der wir noch nicht wissen, wie die Preisfindung läuft."

Klar ist bereits heute, dass die Preisschwankungen an der Börse zunehmen werden. In den kommenden fünf Jahren gehen sukzessive alle deutschen Atomreaktoren vom Netz, auch der Ausstieg aus der Kohleverstromung bleibt ein politisches Ziel der Bundesregierung, anders sind die Klimaschutzziele kaum einzuhalten. Spätestens dann kommt die Stunde der Gaskraftwerke. 28 Gigawatt könnten die bereits bestehenden Anlagen schon heute leisten, das ist etwa ein Drittel des normalen täglichen Bedarfs.

Doch ein Großteil dieser Kapazität steht ungenutzt in der Landschaft herum, weil selbst die modernsten Erdgaskraftwerke im Betrieb teurer sind als die ältesten Braunkohlemeiler. Werden diese eingemottet, sind die Gasturbinen zurück im Geschäft. Was das bedeutet, lässt sich an der jüngsten Dunkelflaute im Januar studieren. "Die Preise an der Strombörse werden zukünftig stärker schwanken", sagt Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der regierungsnahen Deutschen Energie-Agentur (Dena).

Überkapazitäten schmelzen

In den vergangenen Jahren waren sie aufgrund fallender Kosten für Steinkohle und CO2-Zertifikate gesunken. Die EEG-Umlage und das Netzentgelt, das die Leitungsbetreiber für das Management des zunehmend überforderten Stromnetzes erheben, werden bis Mitte der 2020er-Jahre ebenfalls neue Rekordhöhen erreichen. Erst zu Beginn dieses Jahres hatte der größte Anbieter Tennet die Abgabe um 80 Prozent erhöht.

Mit dem Ausstieg aus Atomkraft und Kohle schmelzen die Überkapazitäten, die unseren Strommarkt heute prägen. Die entstehende Lücke müssten die Erneuerbaren füllen, sind dazu wegen ihrer hohen Wetterabhängigkeit aber kaum in der Lage. Und wer investiert schon in Windräder oder Solaranlagen, wenn es für den produzierten Strom weder eine staatliche Förderung noch auskömmliche Preise gibt? In der Theorie regelt das der Markt: Ist das Stromangebot zu groß, werden eben unrentable Windparks stillgelegt, herrscht Knappheit, werden neue gebaut.

Nur sei der Strommarkt mit anderen Märkten schwer zu vergleichen, wendet Felix Matthes vom Öko-Institut ein. "An einem heißen Sommertag kann es schon mal sein, dass den Gastwirten das Bier ausgeht. Das sollte beim Strom besser nicht passieren."

Plädoyer für einen "Strommarkt 2.0"

Wie Matthes glaubt auch Agora-Vordenker Graichen, dass Energieerzeuger im Ökostromzeitalter nicht mehr ausschließlich pro Kilowattstunde bezahlt werden sollten, "sondern auch dafür, dass es sie gibt". Er plädiert für einen "Strommarkt 2.0", in dem sich sowohl Erneuerbare als auch konventionelle Energieerzeuger auf Ausschreibungen für das Bereitstellen von Kraftwerken bewerben können - eine Weiterentwicklung dessen, was in der jüngsten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) etwa für neu entstehende Windparks bereits beschlossen ist.

Finanziert würde das neue System durch die Verbraucher über eine Art Flatrate, wie man es vom Mobilfunktrag oder Internetanschluss kennt. "Das heißt nicht, dass es für die Stromkunden zwingend teurer wird", sagt Graichen, "nur anders organisiert."

In einer Zeit, in der die Strommenge stark von nicht zu beeinflussenden Faktoren wie Windstärke und Sonneneinstrahlung abhänge, werde es eine Nachfrage nach dem Produkt "gesicherte Stromversorgung" geben, denkt auch Matthes. "Dafür muss es dann auch einen Preis geben." Aus seiner Sicht wäre es sinnvoll, den Systemwechsel so schnell wie möglich einzuleiten - bevor es nach dem Ende der Nuklear- und Kohleära zu Problemen bei der Versorgungssicherheit kommt. Dabei sollten auch Anreize gesetzt werden, um Investitionen in Energiespeicher und flexible Produktionsanlagen zu finanzieren, die ihre Stromnachfrage an das Angebot anpassen können. Zum Beispiel, indem ein Aluminiumwerk seine Produktion bei Sonnenschein hochfährt und in der Nacht drosselt, wenn kein Solarstrom mehr zur Verfügung steht.

Bau neuer Wind- und Solarparks ist derzeit gedeckelt

Den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien und von Stromspeichern zu fördern, hält auch die Dena für sinnvoll, von einem raschen Systemwechsel dagegen eher nichts. "Mit dem Ausbau der Stromnetze, dem Bau von Speichern und der Flexibilisierung der Nachfrage werden in den kommenden Jahren sehr viele Hebel auf den Strommarkt einwirken. Es ist unmöglich vorherzusagen, wie er in 20 Jahren aussehen wird", sagt Dena-Chef Kuhlmann. "Es ist jetzt an der Zeit, Flexibilitätstechnologien den Weg zu bereiten, damit sie zur Verfügung stehen, wenn wir sie in ein paar Jahren brauchen."

Derzeit plant die Bundesregierung allerdings keine weiteren Anreize, im Gegenteil. Weil der notwendige Ausbau der Stromautobahnen nur schleppend vorankommt, hat sie den Bau neuer Wind- und Solarparks im vergangenen Jahr gedeckelt. "An einen Ausstieg aus der Kohleverstromung ist unter diesen Bedingungen nicht zu denken, es gibt keine bezahlbare Alternative", schimpft ein Energiemanager, der nicht genannt werden möchte. Die Regierung betreibe die Energiewende nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum".

Manche fürchten, dass am Ende Irrtum herauskommt.

Dieser Text ist zuerst auf dem Energie-Portal www.energie-winde.de erschienen.

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