01.02.2019 
Erste Jahresbilanz des Deutsche-Bank-Chefs

Sieben Haken an Christian Sewings Checkliste

Von
Christian Sewing
AFP
Christian Sewing

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien in einer ersten Version am Donnerstag, 31. Januar, als Vorschau auf die Jahreszahlen der Deutschen Bank. Die am Freitag veröffentlichten Ergebnisse stellen wir den Erwartungen gegenüber, um einen Vergleich zu ermöglichen.

Die erste große Hürde ist geschafft. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing (48) hat die Geschäftszahlen zum vierten Quartal 2018 offenbart - und damit den ersten Maßstab geliefert, um über Erfolg oder Misserfolg des seit April amtierenden CEO zu urteilen.

Dass der Aktienkurs in seiner Amtszeit um ein weiteres Drittel einbrach, dass die Bank sich abermals mit Razzien und auch neuen Geldwäscheskandalen herumärgern musste, dass die vom Geschäft ablenkenden Fusionsgerüchte nie verstummten - daran würde Sewing nicht scheitern; an all das hat sich die Deutsche Bank gewöhnt. Angezählt aber wäre der Vorstand, wenn er sein Versprechen nicht halten könnte, mit seiner Strategie die Wende zu nachhaltig profitablem Geschäft zu vollbringen.

Vorsichtshalber hat der Deutsche-Bank-Chef die Ziele nicht sehr hoch gesteckt - auch wenn er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos noch einen Hauch von Ambition versuchte, "wir wollen wieder stolz sein können auf die Deutsche Bank". Hier sind die Zahlen, an denen Sewing sich messen lassen will - und so stehen die Aussichten:

Erster Gewinn seit 2014

Das Ziel: Als "Hauptaufgabe" nennt Sewing, die Deutsche Bank wieder in die Gewinnzone zu bringen. Im Herbst erklärte er, "wir sind auf gutem Wege, das Gesamtjahr 2018 mit einem Gewinn abzuschließen - zum ersten Mal seit 2014".

Die Aussichten: Tatsächlich verdiente die Bank in den ersten neun Monaten netto 750 Millionen Euro. Allerdings waren es im gleichen Zeitraum des Vorjahres mehr als doppelt so viel, und am Ende standen trotzdem roten Zahlen. Das Hauptziel ist also nur zu erreichen, wenn nicht schon wieder ein verflixtes viertes Quartal dazwischenkam. Die bereits bekannten Geschäftszahlen der Konkurrenz lassen das zumindest erhoffen. Die Analysten rechnen im Durchschnitt mit einem Jahresgewinn von 432 Millionen Euro - gerade genug. Eine Minderheit von ihnen ist allerdings auf ein weiteres Verlustjahr gefasst.

Das Ergebnis: 341 Millionen Euro Gewinn (im vierten Quartal gab es wieder ein Minus von 409 Millionen Euro). Die Hauptaufgabe ist gemeistert, wenn auch nicht gerade bravourös.

Leicht schrumpfende Erträge

Das Ziel: Der Gewinn ist nur eine abgeleitete Größe - das, was übrig bleibt, wenn die Kosten von den Erträgen abgezogen werden. Unmittelbarer Ausweis der wirtschaftlichen Leistung der Bank wären die Erträge; die werden aber in den strategischen Zielen des Konzerns gar nicht genannt. Seit dem Herbst gilt die Prognose, dass "die Erträge im Vergleich zum Vorjahr leicht zurückgehen werden". Ein schrumpfendes (aber nicht zu stark schrumpfendes) Geschäft ist also eingeplant.

Die Aussichten: In den ersten neun Monaten schrumpften die Erträge schon um 5 Prozent auf 19,7 Milliarden Euro. Wenn es genauso weitergeht, landet die Bank im Gesamtjahr leicht über 25 Milliarden - wie von Analysten erwartet. Da Sewing kein Wachstum versprochen hat, kann auch niemand meckern. Selbst wenn es noch schlechter laufen sollte, stehen die Razzia-Wirren als Erklärung für zurückhaltende Kunden bereit.

Das Ergebnis: 25,3 Milliarden Euro Erträge, 4 Prozent weniger als 2017. Nicht schön, aber im Rahmen.

Kosten unter 23 Milliarden Euro

Das Ziel: Wenn die Erträge schrumpfen, müssen die Kosten noch schneller zurückgehen, um schwarze Zahlen zu erreichen. "Wir werden alles dafür tun, dass es in diesem Jahr im vierten Quartal nicht den bislang typischen Kostenanstieg geben wird", gelobte Sewing im Herbst. 23 Milliarden Euro heißt das Limit für die bereinigten Kosten 2018 (bereinigt heißt, dass Dinge wie Rechtskosten oder Abfindungen herausgerechnet werden). Zuvor hatte die Bank 22 Milliarden als Obergrenze gezogen, doch bald erkannt, dass sie eine einfachere Hürde brauchte.

Die Aussichten: "Wir haben unsere Kosten im Griff", triumphierte Sewing auf dem Hauptstadtempfang der Bank Mitte Januar in Berlin, und "diese Zeiten sind vorbei", mit Blick auf vergangene Kostensteigerungen. So selbstsicher kann er das nur sagen, wenn am Erreichen des Ziels kein Zweifel mehr besteht. Die Analysten rechnen im Schnitt mit bereinigten Kosten von 22,9 Milliarden Euro - also gerade so im grünen Bereich. Und das, obwohl Sewing vergleichsweise großzügig Boni verteilen lässt und der Anteil der Personalkosten somit steigt.

Das Ergebnis: 22,8 Milliarden Euro - gerade noch geschafft.

Weniger als 93.000 Stellen

Das Ziel: Personalabbau werden die Banker wohl kaum als Selbstzweck betrachten, zumal Sewing die Loyalität der Belegschaft sichern will. Doch für die Investoren ist es ein leicht abrechenbares Zeichen für die Stringenz der Kostenkontrolle. Die Bank hat deswegen eine Marke von weniger als 93.000 Vollzeitstellen für Ende 2018 und deutlich unter 90.000 im laufenden Jahr gesetzt. Im Herbst zählte sie noch 94.717 Beschäftigte, vor zwei Jahren fast 100.000.

Die Aussichten: Anscheinend läuft der Jobabbau planmäßig. Im November verkaufte die Deutsche Bank ihr ansonsten wenig bedeutendes Privat- und Firmenkundengeschäft in Polen an Santander. Damit gab die Deutsche Bank rund 1400 Stellen ab - und kam schon mit diesem einen Schritt Sewings Ziel sehr nahe.

Das Ergebnis: 91.737 Stellen - der Personalabbau geht schneller als gedacht, zum Ziel für 2019 fehlt auch nicht mehr viel.

Kernkapitalquote über 13 Prozent

Das Ziel: Die Bank soll zwar kleiner und flotter werden, aber zugleich stabiler und krisenfester. Deswegen soll durchweg eine harte Kernkapitalquote von deutlich über 13 Prozent garantiert werden.

Die Aussichten: Den wichtigsten Beitrag zu diesem Ziel leistete die Kapitalerhöhung von 2017 mit chinesischer Hilfe. Seitdem steht die Kapitalquote immer mal wieder bei runden 14,0 Prozent - das Ziel ist also bereits erreicht, es darf aber auch nicht wieder durch Bilanzeffekte riskiert werden. Zwischenzeitlich sank die Quote im Frühjahr mal auf 13,4 Prozent, Analysten erwarten zum Jahreswechsel 13,7 Prozent. Das wäre okay.

Das Ergebnis: 13,6 Prozent - ausreichend.

Leverage Ratio von 4,5 Prozent

Das Ziel: Dem gleichen Zweck dient die Verschuldungsquote, die "im Laufe der Zeit" 4,5 Prozent erreichen soll. Das Kernkapital muss also mindestens 4,5 Prozent des gesamten Geschäftsvolumens einschließlich der außerhalb der Bilanz gehaltenen Derivate abdecken, um auch den neuen Vorschriften für besonders systemrelevante Banken mit ausreichender Sicherheit zu genügen.

Die Aussichten: Zuletzt meldete die Bank eine solche Leverage Ratio von 4,2 Prozent, doch die Analysten erwarten zum Jahresschluss im Durchschnitt, dass die Zahl auf 4,0 Prozent sinkt. Nur die größten Optimisten unter ihnen schätzen, die Bank werde das 4,5-Prozent-Ziel Ende 2020 erreichen - zu Sewings Glück ist es mit "im Laufe der Zeit" nicht an eine konkrete Frist gebunden.

Das Ergebnis: 4,3 Prozent (in der Berechnungsmethode nach den Übergangsregeln, die laut Bank als Maßstab gelten; sonst wären es 4,1 Prozent) - zumindest kein Rückfall; so könnte aus "im Laufe der Zeit" doch noch "in absehbarer Zeit" 4,5 werden.

Eigenkapitalrendite über 4 Prozent

Das Ziel: Früher einmal galt die Eigenkapitalrendite als wichtigstes Ziel der Deutschen Bank, Sewings Vorvorvorgänger Josef Ackermann gab die als wahnwitzig kritisierte Losung von 25 Prozent aus. Sewing peilt vergleichsweise bescheidene 10 Prozent an, aber auch nur mittelfristig "in einem normalisierten Geschäftsumfeld". Für 2018 soll erst einmal überhaupt ein Gewinn erreicht werden, 2019 als Zwischenstufe eine Eigenkapitalrendite nach Steuern von über 4 Prozent.

Die Aussichten: Die Konsensschätzung für diese Kennziffer Stand 2018 beläuft sich auf magere 0,8 Prozent, aber da Sewing hier kein Ziel ausgegeben hat, spielt das für seine Bewertung noch keine Rolle. In diesem Jahr allerdings halten die Analysten mit 2 Prozent nur die Hälfte des Ziels für realistisch, auch 2020 werde es noch nicht erreicht. Falls es so kommt, dürfte der Job des Deutsche-Bank-Chefs deutlich negativer beurteilt werden als heute.

Das Ergebnis: 0,5 Prozent - ein Spiegelbild des schwachen Gewinns. Hier gilt aber für 2018 ohnehin kein offizielles Ziel.

Dividende für die Aktionäre

Das Ziel: Dividende soll es auch geben. Die Bank verspricht eine "wettbewerbsfähige Ausschüttungsquote ab dem Geschäftsjahr 2018".

Die Aussichten: Das Ziel ist vage genug formuliert. Schon für 2017 gab es, trotz negativen Jahresabschlusses, eine Dividende von 11 Cent je Aktie. Erwartet wird ein Vorschlag in ähnlicher Höhe für die kommende Hauptversammlung - wettbewerbsfähig ist das sicher nicht im Vergleich zu JPMorgan, die 80 US-Cent pro Quartal zahlen, oder Santander, deren Aktionäre eine Rendite über 5 Prozent erreichen. Aber versprochen wird ja auch nur eine wettbewerbsfähige Quote - solange wenig Gewinn fließt, wird es auch wenig auszuschütten geben.

Das Ergebnis: Erneut schlägt der Vorstand 11 Cent vor, obwohl es eigentlich nichts an die Aktionäre zu verteilen gibt. Eine Ausschüttungsquote lässt sich aus leicht negativem Ergebnis je Aktie nicht berechnen. Im Wettbewerb um Dividendenrendite wird die Deutsche Bank mit 1,4 Prozent zwar kaum punkten, das Ziel darf trotzdem als erfüllt gelten.

Christian Sewing kann sich selbst ein ordentliches Zeugnis für 2018 ausstellen (in etwa Schulnote "ausreichend"). Daraus folgt jedoch noch nicht, dass tatsächlich Optimismus oder gar Stolz wieder bei der Deutschen Bank einziehen könnten. Dafür wäre dann wohl doch eine Perspektive wieder wachsender Erträge nötig.

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