22.03.2018  Wie Google & Co. Deutschlands Autobauer überholen

Mit Standgas in die Zukunft

Von Patrick Setzer
Tesla Model 3: Mit diesem Modell - einem Elektroauto für den Massenmarkt - hat Tesla die deutschen Autobauer endgültig aufgeschreckt. Sie müssen schleunigst aufholen
Tesla Motors
Tesla Model 3: Mit diesem Modell - einem Elektroauto für den Massenmarkt - hat Tesla die deutschen Autobauer endgültig aufgeschreckt. Sie müssen schleunigst aufholen

Deutschlands Autohersteller sind für die digitale Zukunft nicht gut genug aufgestellt. Im Kampf gegen die neuen Wettbewerber aus dem Silicon Valley und aus Fernost müssen VW, Daimler und BMW jetzt alle Kräfte sammeln. Noch ist es möglich, auf vier entscheidenden Gebieten aufzuholen. Ein Weckruf.

Es sollte eine Demonstration der Stärke werden. Auf der IAA 2017 haben die deutschen Automobilhersteller der ganzen Welt gezeigt, was sie in Sachen E-Mobilität zu bieten haben. Allein: Es wird noch Jahre dauern, bis diese elektrifizierte Autoflotte tatsächlich am Markt ist.

Zwar kündigten Daimler , BMW und Volkswagen eine Vielzahl neuer E-Modelle bis 2025 an, dazu gigantische Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe in die Elektromobilität. Doch tatsächlich liegen die großen Automobilhersteller auf diesem Zukunftsmarkt zurück und haben Tesla sowie den neuen chinesischen Wettbewerbern bis 2021 wenig entgegenzusetzen . Denn so lange wird es dauern, bis die ersten konkurrenzfähigen E-Mobile mit mehr als 500 Kilometern Reichweite aus deutscher Produktion auf den Straßen rollen.

Patrick Setzer

Tesla hat bereits seit Jahren zwei rein elektrische Autos am Markt die dieses Kriterium erfüllen und wird auch die Produktionsprobleme beim Model 3 in den Griff bekommen, das erste E-Auto der Kalifornier für den Massenmarkt.

Damit ist das Unternehmen den Deutschen etwa vier bis fünf Jahre voraus. Da die Entwicklungszeit eines neuen Automodells bei rund sechs Jahren liegt, heißt das, dass der wirkliche Startschuss für die Elektrifizierung der Flotte in Wolfsburg, München und Stuttgart erst im vergangenen Jahr gegeben wurde.

Neben Tesla droht auch aus China Konkurrenz

Neben Tesla droht auch aus China neue Konkurrenz, von Firmen wie BYD oder Geely. Neben dem für alle Autobauer sehr attraktiven chinesischen Absatzmarkt wirkt hier eine Regierung, die bereits ab 2019 eine Quote von 10 Prozent für Elektroautos vorschreibt. Das bedeutet im Umkehrschluss einen garantierten Absatzeinbruch um 10 Prozent für alle Verbrenner in China bereits im übernächsten Jahr.

Von 2025 an müssen dann sogar 20 Prozent aller in China neu zugelassenen Autos elektrisch fahren - das heißt 20 Prozent weniger Autos mit Verbrennungsmotor in China und einer Vielzahl weiterer Länder und Regionen, die diesem Vorbild folgen werden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird klar sein, dass die Skaleneffekte der heutigen Industrie ein Thema der Vergangenheit sind und Absatz, Umsatz und Profit im Jahr 2018 ein letztes Hoch vor der großen Trendwende sein werden.

Der Autoindustrie droht das Schicksal der Musikindustrie

Die deutsche Autoindustrie, wie wir sie kennen, droht das Schicksal der Musikindustrie zu erleiden, die von Napster, Spotify, Apple Music und Youtube überrollt wurde. Oder es ergeht ihr wie den Tageszeitungen, denen neue digitale Wettbewerber einen großen Teil ihrer Geschäftsgrundlage genommen haben. Abgesehen von der Halbierung der Umsätze innerhalb eines Jahrzehnts, gab es in Rezessionsjahren Negativausschläge von mehr als 15 Prozent pro Jahr.

Konservative Unternehmenslenker sollten sich für die Autobranche mit einem ähnlichen Szenario auseinandersetzen, rational planen und - am wichtigsten - für die digitale Zukunft aktiv agieren.

Die Auswirkungen einer nachhaltigen Umsatzverschiebung in dieser Größenordnung kann man recht einfach überschlagen: Der Umsatz von Daimler , BMW und der VW-Gruppe zusammen wird dieses Jahr knapp eine halbe Billion Euro betragen, bei einem EBIT von 40 Milliarden Euro und einer Marge von rund 8 Prozent. Wenn man davon ausgeht, dass ab 2019 der Trend kippt, muss man Umsatzrückgänge von bis zu 15 Prozent einkalkulieren, ähnlich wie in den Krisenjahren 2000 und 2008. Das bedeutet eine Reduktion von 75 Milliarden Euro beim Umsatz oder 6 Milliarden Euro beim EBIT.

Auch das Worst-Case-Szenario der Zeitungsbranche in den vergangenen zehn Jahren muss man einmal für die Autoindustrie simulieren. Hier könnten den Firmen und damit der deutschen Wirtschaft 250 Milliarden Euro Umsatz und 20 Milliarden Euro Profit verloren gehen.

Wenn man davon ausgeht, dass jeder Zehnte der 44 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland direkt oder indirekt vom Auto abhängt, hätten danach zwei bis drei Millionen Angestellte keinen Job mehr. Es ist also absehbar, dass auf die Arbeitnehmerschaft der deutschen Autokonzerne, Zulieferer und Dienstleister harte Zeiten zukommen.

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