03.05.2018 
Neue Konzernstruktur bei Volkswagen

So will Diess den "Tanker" Volkswagen zum "Schnellboot-Verbund" umbauen

Aus Berlin berichtet
Foto: REUTERS / Volkswagen

Volkswagen soll "ehrlicher, offener, wahrhaftiger, in einem Wort: anständiger werden": Auf der Volkswagen-Hauptversammlung in Berlin kündigte der neue Konzernchef Herbert Diess einen kulturellen Wandel beim weltgrößten Autohersteller an - wie auch schon sein Vorgänger Matthias Müller. Ein dauerhafter wirtschaftlicher Erfolg sei nur mit einer gesunden Unternehmenskultur möglich, sagte Diess. "Wir müssen den Konzern vom schwerfälligen Tanker zu einem schlagkräftigen Verbund von Schnellbooten machen."

Wichtigste Ansage von Diess: "Heute haben wir im Konzern noch eine zu hohe Komplexität mit zu langen Entscheidungswegen. Wir leisten uns an vielen Stellen Doppelarbeit. Viele Entscheidungen fallen zu weit weg vom operativen Geschäft - und damit unseren Kunden. Und es gibt zu viele Reibungsverluste durch langwierige Abstimmungen zwischen Konzernen und Marken. Unser neues Führungsmodell macht damit Schluss."

Worum es geht: Diess teilt den Konzern künftig in sechs operative Einheiten auf. Die Region China erhält dabei aber einen Sonderstatus. In die Markengruppe "Volumen" fallen künftig die Marken VW, Skoda, Seat, die Nutzfahrzeugsparte sowie die Mobilitätsdienst-Tochter Moia.

Die Gruppe "Premium" soll in Zukunft im wesentlichen Audi umfassen, die Markeneinheit "Super Premium" die Sportwagentöchter Porsche, Bentley, Bugatti und künftig Ducati. "Truck & Bus" als vierte Einheit beinhaltet die schweren Nutzfahrzeuge von MAN und Scania. Beschaffung und Komponentensparte sollen als fünfte Einheit fungieren, die Finanzdienstleistungen als sechste. Für die Motorradmarke Ducati, die Schwermotorensparten Renk und MAN Diesel und Turbo will Diess "belastbare Zukunftperspektiven" erarbeiten lassen - sie könnten also verkauft werden.

Was das für VW bedeutet: Statt zwölf mächtiger Markenchefs - die in der Vergangenheit oft gegeneinander arbeiteten - gibt es künftig weniger Entscheider auf Topebene. Zudem soll jedes Mitglied des Konzernvorstands auch übergeordnete Konzernaufgaben übernehmen: Audi-Chef Rupert Stadler ist künftig nicht nur Chef der Markengruppe "Premium", sondern auch für den Konzernvertrieb zuständig.

Porsche-Chef Oliver Blume verantwortet zusätzlich zur Markengruppe "Super-Premium" auch die Konzernproduktion. Das soll laut Diess die Aufgaben der Konzernsteuerung auf "mehr Schultern" verteilen, der Konzern soll so schneller und näher an den Märkten agieren können.

Allerdings verschafft sich Diess dabei die größte Machtfülle. Er ist nicht nur für Organisationsentwicklung des Konzerns und dessen Marken- und Produktstrategie zuständig - sondern auch noch für die Fahrzeug-IT. Und zunächst auch für die Konzernforschung und -entwicklung, die aber "perspektivisch von Audi übernommen" werden soll.

Warum das für die gesamte Branche wichtig ist: Diess' Neuordnungs-Vorstoß erhöht den Druck auf einige Konkurrenten, ihre Strukturen ebenfalls zu überdenken. Manche sind längst in diese Richtung gegangen: Toyota zum Beispiel hat die Krise um klemmende Gaspedale dazu genutzt, die Eigenverantwortung in den einzelnen Regionen zu stärken. Ergebnis: Die Japaner sind heute längst nicht mehr so zentralistisch geführt wie noch vor einigen Jahren, als alle Produktentscheidungen in der Zentrale in Japan abgesegnet werden mussten.

Daimler arbeitet aktuell an einer Dreiteilung - die soll aber erst im kommenden Jahr spruchreif werden. Die französischen Autohersteller PSA oder Renault hingegen sind noch straff nach Einzelmarken organisiert, auch beim koreanischen Hyundai-Konzern ist das ähnlich. Zunächst muss der 12-Marken-Konzern Volkswagen zeigen, dass eine solche Markengruppen-Aufteilung den Autoriesen tatsächlich schlagkräftiger macht. Doch der Druck auf die Branche steigt damit, sich für die Zukunft flexibler aufzustellen.

Aktionäre dürften heute im Laufe der Hauptversammlung vom Aufsichtsrat außerdem Erläuterungen über die Umstände und Gründe für die plötzliche Ablösung von Matthias Müller einfordern - und von den VW-Vorständen wissen wollen, wie sich der Kurs von Diess von seinem Vorgänger unterscheidet. Mehr zu Diess' Weg für den Volkswagen-Konzern erfahren Sie auch in der aktuellen Ausgabe des manager magazins.

Rückenwind durch gute Zahlen

Ob der Volkswagen-Konzern einen solch tiefgreifenden Wandel überhaupt hinbekommt - da dürften am Donnerstag auch mehrere Aktionäre nachhaken. Rückenwind verschafft Diess aber die zuletzt gute Performance des Konzerns: Im ersten Quartal kletterte der Volkswagen-Konzernumsatz dank eines Rekords bei den Auslieferungen um 3,6 Prozent auf 58,2 Milliarden Euro, unter dem Strich verdiente der Autogigant mit 3,3 Milliarden Euro allerdings etwas weniger als vor einem Jahr mit rund 3,4 Milliarden Euro.

Die Volkswagen-Kernmarke, lange Zeit das Sorgenkind, steigerte sich operativ leicht, Konzernmarken wie Audi oder Skoda schnitten gut ab. Insgesamt hievte Volkswagen die Zahl der Auslieferungen an die Kunden um 7,4 Prozent auf fast 2,7 Millionen Fahrzeuge nach oben. Und auch den Ausblick für das laufende Jahr hat der Konzern vor kurzem bestätigt: Demnach soll der Umsatz 2018 um bis zu fünf Prozent steigen, die operative Rendite - also der Anteil des Betriebsergebnisses am Umsatz - soll zwischen 6,5 und 7,5 Prozent liegen - im ersten Vierteljahr lag sie bei 7,2 Prozent.

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