16.10.2018 
VW-Chef Diess wettert gegen WLTP und EU-Abgaswerte

"Feldzug gegen das Auto wird existenzbedrohend"

Von und
Volkswagen-Chef Herbert Diess
DPA
Volkswagen-Chef Herbert Diess

Brexit, Handelskrieg, strengere Abgasvorschriften - die deutsche Autoindustrie ist laut VW-Chef Herbert Diess großen Gefahren und Herausforderungen ausgesetzt. Sie könnte ihre weltweite Spitzenposition verlieren, warnt der Manager.

Die deutsche Autoindustrie könnte nach Ansicht von Volkswagen-Chef Herbert Diess in den kommenden Jahren ihre Spitzenposition am Weltmarkt verlieren. "Aus heutiger Sicht stehen die Chancen vielleicht bei 50:50, dass die deutsche Automobilindustrie in zehn Jahren noch zur Weltspitze gehört", sagte Diess am Dienstag auf einer VW-Veranstaltung in Wolfsburg laut Redetext.

Die Herausforderungen seien enorm. Diess nannte exemplarisch den Handelskrieg zwischen den USA und China, den Brexit sowie die Beziehungen zu Russland und der Türkei. Auch das neue Abgas-Testverfahren WLTP bringe die Industrie "an den Rand Ihrer Leistungsfähigkeit". Volkswagen hatte kürzlich bekannt gegeben, dass die weltweiten Auslieferungen des Konzerns im September wegen der Einführung des neuen Abgasprüfverfahrens spürbar geringer ausgefallen seien als vor einem Jahr.

Darüber hinaus kritisierte Diess in seiner Rede erneut die sich abzeichnenden strengeren EU-Abgasgrenzwerte. "Der jetzige Feldzug gegen die individuelle Mobilität und damit gegen das Auto nimmt jedoch existenzbedrohende Ausmaße an", sagte er laut Redetext zur Eröffnung der 10. Internationalen Zuliefererbörse in Wolfsburg.


Dokumentation: Die Rede von Herbert Diess im Wortlaut


Dabei prangerte der VW-Chef die seiner Meinung nach "beinahe hysterische Stickoxiddiskussion um wenige Problemzonen in unseren Städten" an. Sie werde sich in den nächsten Jahren "fast von selbst auflösen". Auch die von den europäischen Umweltministern festgelegten und derzeit in Berlin und Brüssel verhandelten CO2-Grenzen für Neuwagen sind dem Manager ein Dorn im Auge.

Hoher Anteil an Elektroautos könnte deutsche CO2-Bilanz verschlechtern

"Wenn wir den CO2-Ausstoß unserer Autoflotte bis 2030 um 30 Prozent reduzieren müssen, dann geht das nur mit einem Drittel reiner E-Autos auf den Straßen. Würde die Autobranche hingegen auf 40 Prozent gedrückt, müsste 2030 bereits die Hälfte der Autos rein elektrisch fahren", rechnete der Volkswagen-Chef vor.

Zugleich warnte Diess davor, dass sich ein hoher Anteil von Elektroautofahrzeugen womöglich sogar schädlich auf deutsche CO2-Umweltbilanz auswirken könnte. Denn der in Deutschland produzierte Strom sei mit 600g CO2 je erzeugter Kilowattstunde noch vergleichsweise hoch. Deutschland belege im europäischen Vergleich hier einen Platz im hinteren Mittelfeld.

Wenn sich diese Kennziffer nicht deutlich verbessere, würden die Elektroautos auf Deutschlands Straßen schlimmstenfalls mit aus Braunkohle erzeugtem Strom unterwegs sein. "Das treibt die Idee der Elektro-Mobilität ad absurdum! Denn dann haben wir in Deutschland gleichhohe oder sogar höhere CO2-Emissionen als heute. Und das, obwohl wir wahrscheinlich hunderte von Milliarden für die E-Mobilität ausgegeben haben, um den Strukturwandel hinzubekommen", sagte Diess laut Redetext.

Daimler sieht die Ökobilanz von Elektroautos schon heute positiv

Diess' Aussagen zum stark CO2-belasten deutschen Strom dürften unter Fachleuten wohl für heftige Diskussionen sorgen. Zum einen ist der Anteil regenerativer Energien am deutschen Strommix zuletzt deutlich gestiegen: Im Jahr 2013 lag er noch bei erst 23 Prozent, im Jahr 2017 laut deutschem Umweltbundesamt bei 33 Prozent.

Zum anderen tobt seit längerem ein Streit um die Gesamtökobilanz von Elektroautos gegenüber Verbrennerautos. Je nach Studie, zugrunde gelegter Batteriegröße, Strommix bei der Zellenherstellung und im Betrieb und angenommener Fahrleistung über die Lebensdauer schneiden Elektroautos dabei teils schlechter beim Gesamt-CO2-Ausstoß - oft aber auch bereits jetzt deutlich besser als Diesel oder Benziner.

Auch einer von Diess' deutschen Konkurrenten sieht dabei deutlich weniger Probleme als der VW-Konzernchef: Daimler veröffentlichte vor kurzem die Ergebnisse einer hausinternen Nachhaltigkeitsrechnung für Elektroautos. Die Kernaussage der Stuttgarter: Zwar sei die Herstellung von Mercedes-Elektroautos deutlich energieintensiver als die von Verbrennerfahrzeugen - die Produktion der Stromer verursacht 80 Prozent höhere CO2-Emissionen als ein Verbrenner. Doch im Betrieb sind sie auch beim aktuellen deutschen Strommix um 65 Prozent CO2-ärmer als herkömmliche Verbrennerfahrzeuge - wenn man dabei auch die CO2-Belastung bei der Gewinnung, Produktion und Distribution von Kraftstoff einbezieht.

Die Gesamtemissionen rein elektrischer Fahrzeuge, so hat Daimler errechnet, ist über den gesamten Lebenszyklus bei gleicher Laufleistung um mindestens 40 Prozent geringer. Über Daimlers Ergebnis lässt sich vermutlich trefflich streiten mit Verweis auf zugrundeliegende Vergleichsfahrzeuge und Batteriegrößen. Doch die Studie zeigt, dass es auch in der Autobranche abweichende Stimmen zu Diess Warnungen gibt.

mit Material von Reuters

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