07.03.2017 
Autonom, elektrisch, in der Luft

Airbus und Italdesign planen Revolution für den Stadtverkehr

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 Das Auto der Zukunft ein Skateboard? Die autonom fahrende Plattform, auf die Airbus und Italdesign ihre Fahrgastkapseln stellen wollen. Die wichtigsten Daten: 130 Kilometer Batteriereichweite, 15 Minuten pro Aufladung der Batterie, 100 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit.
Airbus/Italdesign
Das Auto der Zukunft ein Skateboard? Die autonom fahrende Plattform, auf die Airbus und Italdesign ihre Fahrgastkapseln stellen wollen. Die wichtigsten Daten: 130 Kilometer Batteriereichweite, 15 Minuten pro Aufladung der Batterie, 100 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit.

Der Flugzeugkonzern Airbus nimmt sich den Stadtverkehr in Metropolen vor. Spätestens 2027 sollen die revolutionären Flug- und Fahrzeuge im Einsatz sein.

Der Luftfahrtkonzern Airbus und die Audi-Tochter Italdesign präsentieren auf dem Automobilsalon in Genf ihre Pläne der städtischen Mobilität der Zukunft. Sie wollen Fahrgastzellen von autonom gesteuerten und elektrisch betriebenen Drohnen durch die Stadt fliegen lassen. Und sie wollen die gleichen Zellen auch auf autonom gesteuerten und elektrisch betriebenen Plattformen durch die Stadt fahren lassen. Gesteuert werden soll das Ganze über eine App und über Hochleistungscomputer im Hintergrund. Ganz schön viel Zukunft auf einmal also.

Airbus-Manager Mathias Thomsen, Chef von Airbus Urban Air Mobility, und Italdesign-Geschäftsführer Jörg Astalosch erklären ihr Projekt im Interview mit manager-magazin.de.

manager-magazin.de: Herr Thomsen, Herr Astalosch, es gibt bislang keine autonom fahrenden Autos. Es gibt auch nur wenige Käufer für Elektroautos. Jetzt kommen Sie und wollen uns fliegende Autos verkaufen. Mit Verlaub: Ist das nicht eine dieser Visionen, die sich revolutionär und reizvoll anhören, aber doch immer Vision bleiben?

Mathias Thomsen: Zunächst mal: Wir reden hier nicht von fliegenden Autos, auch wenn das wirklich sexy klingt. Wir wollen etwas Besseres. Wir wollen ein komplettes System anbieten: eine Fahrgastzelle, die wir an autonom gesteuerte Fahrzeuge und Flugvehikel koppeln - und das so integriert in den innerstädtischen Verkehr, dass Sie als Kunde angenehm und schnell von A nach B transportiert werden.

mm.de: Entschuldigung, das hört sich auch nicht viel realistischer an.

Thomsen: Wir reden hier nicht über Science-Fiction. Bei Airbus verfügen wir heute über die nötige Technologie. Wir werden noch in diesem Jahr die ersten Flugmodelle - wir nennen sie auf Englisch "Demonstrator" - testen.

mm.de: Diese "Demonstrator" fliegen autonom, ohne Piloten?

Thomsen: Ja, komplett autonom.

Jörg Astalosch: Bei Italdesign haben wir in unseren Diskussionen mit Airbus gelernt, dass die Technologie für autonome Fluggeräte deutlich weiter entwickelt ist als für Autos. Da gibt es zum Beispiel Systeme, mit denen Zusammenstöße in der Luft vermieden werden. Die Autos sind technisch eindeutig die größere Herausforderung, auch durch den sehr komplexen städtischen Straßenverkehr. Aber auch da machen wir gewaltige Fortschritte.

mm.de: Was macht Sie so sicher, dass die Menschen solche Drohnensysteme nutzen werden? Flugzeuge verfügen schon heute über Autopiloten. Würden die Menschen in diese Flugzeuge einsteigen, wenn kein Pilot im Cockpit säße? Ziemlich sicher würden sie das nicht.

Thomsen: Erstens haben wir noch ein bisschen Zeit. Es dürfte noch sieben bis zehn Jahre dauern, bis wir mit unserem System am Markt sind. Und bis dahin dürften auch ein paar autonom gesteuerte Autos auf der Straße sein. Dort dürften die Menschen vertrauensvoller einsteigen. Wenn die Autos funktionieren, und davon gehe ich aus, dürfte auch das Vertrauen in unsere autonom fliegenden Geräte steigen.

Astalosch: Auch der Name Airbus dürfte helfen. Die Marke steht für fehlerfreie Qualität. Wenn auch nur ein minimales Risiko bestünde, würde Airbus die Fluggeräte nicht freigeben. Das wissen die Menschen.

Thomsen: Denken Sie ein paar Jahre zurück. Wenn Ihnen da jemand von Drohnen vorgeschwärmt hätte, die Ihnen die Pakete vor der Haustür abliefern, hätten Sie gesagt: "Stopp mal, welch ein Nonsens." Oder auch computergesteuerte Autos: Kaum jemand hätte geahnt, wie schnell sie sich durchsetzen könnten. Auch wir werden die Skeptiker überzeugen.

mm.de: Und in zehn Jahren dominiert Ihr System die Verkehrswelt?

Astalosch: Nein, sicher nicht; und das ist auch nicht wichtig. Erstens haben wir unser System - wir nennen es "PopUp" - für Megacities entworfen. Zweitens, und das ist das eigentlich Spezielle an unserem Ansatz: Er ist intermodal. Die Fahrgastzellen werden auf der Bodenplattform verankert und fahren dann wie ein Auto. Sie werden von den Drohnen durch die Stadt geflogen. Sie können auf Nahverkehrssysteme gesetzt oder in Hyperloop-Röhrensysteme integriert werden. Nur einer bleibt sitzen und kann seine Zeit sinnvoller nützen als damit, umzusteigen: der Fahrgast.

mm.de: Herr Astalosch, Ihre Plattformen erinnern ein wenig an drei Meter lange und zwei Meter breite Skateboards. Auch die Kapseln sind nicht unbedingt das, was man von einem Autoentwickler erwartet. War es schwierig, Ihre Idee im Konzern durchzusetzen? Volkswagen und auch die Italdesign-Mutter Audi haben derzeit andere Probleme...

Astalosch: ... ...und beschäftigen sich doch weiter mit der Zukunft. Aber wir agieren bei Italdesign unabhängig, das wird von unseren Aktionären auch unterstützt. Es ist sogar unsere Aufgabe, eigenständig Ideen für die Zukunft der Mobilität zu entwickeln und voranzutreiben. Aber eins ist natürlich auch klar: Der Partner Airbus hat dieses Projekt fast zu einem Selbstgänger gemacht.

mm.de: Herr Thomsen, wie haben Sie reagiert, als Sie von dem Projekt erfahren haben?

Thomsen: Wir arbeiten bei Airbus schon seit einiger Zeit an innerstädtischen Flugsystemen. Aber das modulare Konzept von Italdesign hat uns neugierig gemacht. Elektromobilität, Connectivity, autonome Steuerung, die smarte Verbindung mit anderen urbanen Verkehrssystemen. Da ist alles drin. Und wir waren schon immer offen für Projekte mit externen Partnern.

mm.de: Wie viel Geld steht Ihnen für Ihr Projekt zur Verfügung?

Thomsen: Ich kann Ihnen keine genauen Zahlen nennen. Aber für uns ist die "Urban Air Mobility" generell ein wichtiges Projekt. Wir werden noch in diesem Jahr einen Demonstrator in der Luft haben.

Astalosch: Wir müssen unser Konzept sicher noch nachschärfen und werden es jetzt auch gemeinsam mit verschiedenen Städten diskutieren. Und dann sehen wir, wo und wie schnell es weiter geht.

mm.de: Für die Städte dürfte es sehr teuer werden, die notwendige Infrastruktur bereit zu stellen.

Thomsen: So hoch werden diese Kosten nicht sein; und wir könnten langsam starten und das Netz nach und nach ausbauen. Interessierte Städte gibt es bereits.

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