26.07.2018 
Zum Tod von Sergio Marchionne

Der Wolf im Wollpulli

Von
Fiat Chrysler-Chef Sergio Marchionne im März 2018
AFP
Fiat Chrysler-Chef Sergio Marchionne im März 2018

Nur eine kleine Operation an der Schulter sollte es werden, nichts Ernstes. Innerhalb weniger Tage, so versicherte Sergio Marchionne noch vor wenigen Wochen, werde er wieder seine Arbeit aufnehmen. Doch das Universitätsspital in Zürich, in das er Ende Juni eingeliefert wurde, hat der 66-jährige Automanager nicht mehr verlassen. Bei der Operation gab es unerwartete Komplikationen, Marchionne trat deshalb vor knapp einer Woche als Vorstandschef von Fiat Chrysler Automobiles (FCA) zurück. Nun ist Marchionne nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben, wie Fiat- und Ferrari-Präsident John Elkann bestätigte.

Elkann, Spross der Fiat-Eigentümerfamilie Agnelli, verliert damit nicht nur einen "Mann und Freund", wie er selbst sagte. Sondern jenen Manager, der das Familienerbe rettete - indem er den italienischen Autohersteller Fiat vor dem Untergang bewahrte.

Denn als die Agnellis Marchionne im Jahr 2004 zum Fiat-Chef machten, sah es für den italienischen Autobauer mehr als düster aus. Der Konzern hatte Schulden, eine chaotische Modellpolitik, die Verkaufszahlen sanken - kurzum: Fiat stand vor der Pleite.

Als Sanierer scherte sich Marchionne wenig um althergebrachte Konventionen der Autobranche. Auch äußerlich fiel der passionierte Pokerspieler gerne aus der Reihe: Sein Markenzeichen waren die dunklen Pullover, die er lieber trug als Anzüge. Marchionne hatte in Toronto studiert, als Anwalt und Wirtschaftprüfer gearbeitet - und war eben kein Autoingenieur, sondern jemand, der viel von Finanzdeals und Verhandlungen verstand. Mit diesem für die Autobranche eher ungewöhnlichen Vorgehen rettete er Fiat vor dem Untergang - Schritt für Schritt, Deal für Deal.

"Er agierte wie ein Investmentbanker"

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Zunächst überzeugte er den damaligen Fiat-Partner General Motors, sich für zwei Milliarden Dollar bei Fiat herauszukaufen. Dann stellte er so ziemlich alles Althergebrachte bei Fiat auf den Prüfstand: Er streckte die Produkzyklen, investierte viel weniger Geld in Neuwagen. Er setzte Werksschließungen gegen den Widerstand der Gewerkschaften durch. Er baute die Bürokratie ab und halbierte die Entwicklungszeiten für neue Modelle. Sogar vor italienischen Nationaleigentümern schreckte er nicht zurück: Vor wenigen Jahren verlegte er den offiziellen Firmensitz von Turin nach Amsterdam und London.

"Er agierte wie ein Investmentbanker", meint der Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer zu Marchionne. Als sich die Gelegenheit bot, den ebenfalls angeschlagenen US-Autohersteller Chrysler zu kaufen, griff er zu. In mehreren Schritten vereinte er den italienischen und den US-Autobauer, 2014 fusionierten die beiden Konzerne zu Fiat Chrysler Automobiles. Quasi im vorbeigehen spaltete er noch mehrere Randgeschäfte ab - und brachte die prestigeträchtige Fiat-Marke Ferrari erfolgreich an die Börse.

Mit einer Reihe gewiefter Finanzdeals machte er so aus zwei maroden Autoherstellern einen globalen und zuletzt richtig profitablen Konzern. Sein letztes großes Ziel verwirklichte Marchionne noch vor wenigen Wochen: Fiat Chrysler von den Schulden zu befreien. Dabei präsentierte er auch einen neuen Fünf-Jahres-Plan, mit dem FCA vor allem seine Nischenmarken stärken wollte.

All das tat Marchionne lieber etwas lauter als leise: Der 1952 in den Abruzzen geborene Manager war in der Branche für seine markigen Sprüche bekannt. Zu Vorwürfen, auch Fiat habe bei Abgaswerten geschummelt, sagte er mit Blick auf VW etwa: "Wer uns mit dem deutschen Unternehmen vergleicht, hat etwas Illegales geraucht." Den Wolfsburgern warf er vor wenigen Jahren auch vor, ein "Blutbad bei den Margen" anzurichten. Das trug ihm den Ruf eines "Auto-Desperados" ein - der in Summe allerdings ziemlich erfolgreich agierte.

Bedrückende Geschäftszahlen am Tag der Todesnachricht

Erst bei der Verkündung des gelungenen Schuldenabbaus im Juni trug er eine Krawatte, kaum sichtbar. Das hatte er einst versprochen - für den Fall, dass der Schuldenabbau gelingen sollte. Es sollte sein letzter großer Auftritt werden, wie sich nun tragischerweise herausgestellt hat. Nun liegt es an seinem Nachfolger Mike Manley, Marchionnes oft unkonventionellen Weg fortzusetzen. Als erste größere Amtshandlung präsentierte Manley ausgerechnet heute - am Todestag seines Vorgängers - die FCA-Quartalszahlen. "Da ist eine sehr traurige du schwierige Zeit für uns", sagte Manley zu Beginn. "Dieser Morgen war wirklich herzzerreißend, wir werden Sergio sehr vermissen".

Als wäre die zufällige Gleichzeitigkeit der Ereignisse nicht schon bedrückend - der Ausblick des Autohersteller ist es auch. Fiat Chrysler schraubte am Mittwoch seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr von bislang 125 Milliarden Dollar auf 115 bis 118 Milliarden Dollar herunter. Auch die Gewinnvoraussage strich der Konzern zusammen: FCA erwartet nun ein Ebit zwischen 7,5 und 8,0 Milliarden Euro statt über 8,7 Milliarden Euro. Die Aktie von Fiat Chrysler brach darauf in der Spitze um 10 Prozent ein - Pietät ist den Märkten nun mal fremd.

mit Material von dpa

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