18.10.2017  Rolls-Royce Chef Müller-Ötvös über das Phantom VIII

"Mit einem Chauffeur braucht man kein autonomes Fahren"

Ein Interview von
James Lipman

Torsten Müller-Ötvös, CEO von Rolls-Royce Motor Cars, über das neue Topmodell Phantom VIII, über Markenstrategie, Technologie, Märkte und die Zukunft der Luxusmarke.

mm: Herr Müller-Ötvös, das Modell Phantom VIII, das künftige Flaggschiff Ihrer Marke, ist schon in der Normalausführung 5,68 Meter lang und über 2,5 Tonnen schwer. Passt so ein Kaliber noch in unsere Zeit, haben Sie's nicht auch eine Nummer kleiner, leichter, umweltfreundlicher?

Torsten Müller-Ötvös: Der neue Phantom, in der Tat der Inbegriff unserer Markenphilosophie, unseres Designs und unserer Ingenieursleistungen, ist nicht etwa größer geworden als sein Vorgänger-Modell. Er ist auch nicht schwerer, obwohl wir eine Menge neuer Technologien eingebaut haben, die es vorher noch gar nicht gab.

mm: Wäre ein kleineres, leichteres und somit spritsparendes, abgasreduziertes Auto nicht das bessere Produkt in der heutigen Zeit?

Torsten Müller-Ötvös ist seit 2010 Chef von Rolls-Royce Motor Cars
REUTERS
Torsten Müller-Ötvös ist seit 2010 Chef von Rolls-Royce Motor Cars

Müller-Ötvös: Die Frage nach dem Format ist eine sehr deutsche Sichtweise. Außerhalb Mitteleuropas gilt bei Autos eben nicht automatisch: small is beautiful! Unser größter Markt sind die USA, insbesondere Los Angeles und das übrige Kalifornien. Danach kommt der Mittlere Osten, dann China. Für die Menschen, die sich dort einen Phantom kaufen, ist Größe auch ein Zeichen der Souveränität. Im übrigen erfüllen wir selbstverständlich alle Umweltauflagen, auch in der EU.

mm: Dennoch gibt es im neuen Rolls-Royce Phantom weder ein Start-Stopp-System noch eine Zylinderabschaltung noch andere Techniken zur Verbrauchs- und Abgasreduktion. Was war das Ziel bei der Entwicklung des Flaggschiff-Modells?

Müller-Ötvös: Wir haben uns an den Leitspruch unseres Unternehmensgründers gehalten. Sir Henry Royce hat schon vor über 100 Jahren formuliert: "Take the best that exists and make it better!" So sind wir auch diesmal verfahren: Wir haben den Vorgänger Phantom VII, zu seiner Zeit das beste Auto der Welt, als Maßstab genommen und für die nächste Modellgeneration alles verbessert, was möglich war: den Antriebsstrang, das Fahrwerk, die Innenausstattung, die Geräuschdämmung, das Entertainment, die Kommunikationssysteme und so weiter. Herausgekommen ist eine einzigartige Architektur von Luxus. Mit dieser Strategie ist es uns auch gelungen, das Durchschnittsalter unserer Kunden deutlich zu reduzieren. War der Rolls-Royce-Käufer zu Beginn der Nullerjahre noch im Schnitt 56, so ist er jetzt nur noch 45 Jahre alt. Eine erfreuliche Verjüngung.

mm: Welche Neuerung am Phantom VIII ist Ihnen besonders geglückt?

Müller-Ötvös: Die Art Gallery, mit der wir die gesamte Front des Innenraums neu konzipiert und gestaltet haben. Wir bieten hier schon ab Werk neue Formen dekorativer Elemente an, in die sich der große Monitor der Bediensysteme, die Rundinstrumente und die Cockpit-Uhr integrieren. Künftig können diese Flächen aber auch vom Lieblingskünstler jedes Neuwagenkäufers als Einzelkunstwerk gestaltet werden - eine Form der Individualisierung, die kein anderer Autobauer bietet.

mm: Erstaunlicherweise reden wir, wenn wir über Innovationen bei Rolls- Royce sprechen, über Kunst - nicht über Technik.

Müller-Ötvös: Nahezu jeder Käufer eines Phantom-Modells sammelt Kunst. Mit dem Phantom VIII haben diese Menschen nun die Möglichkeit, auch ihren automobilen Lebensraum mit einem Werk ihres Lieblingskünstlers zu schmücken. Sogar mit einem, das eigens für diesen Zweck angefertigt wurde. Ich bin mir sicher: diese Autos werden in zwanzig Jahren das Vier- bis Sechsfache kosten. Nicht nur wegen der wertstabilen Rolls-Royce-Technik, sondern auch wegen der eingebauten Unikate, deren Preise steigen. Und zum Thema Innovation: Für die Entwicklung unseres Art- Gallery-Konzepts, das Kunstwerke unfallsicher hinter Glas präsentiert, haben wir einen Clean Room gebaut, eine komplett staubfreie Produktionsstätte wie in der Chip-Industrie. Das modernste vom Modernen.

1 / 2

Mehr zum Thema