11.07.2017  Robert Tönnies hat ein Herz für E-Autos

Großschlachter baut Elektro-Käfer

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"Ich liebe das Leben", schmettert Vicky Leandros aus dem Lautsprecher als Robert Tönnies auf die Bremse tritt und laut hupt. Der knallrote VW-Käfer kommt vor einer Gruppe Enten zu stehen, die in aller Ruhe durch den Schlosspark von Rheda-Wiedenbrück watscheln und offenbar große Zuversicht in die Tierliebe des Großschlachters haben.

Glück gehabt, Robert Tönnies, Miteigner des größten Fleischkonzerns Europas, ist bester Laune - und ohnehin in anderer Mission unterwegs. Kurz nach dem Ende des epischen Streits mit Onkel und Mitgesellschafter Clemens Tönnies - im Nebenberuf Aufsichtsratschef des Bundesligisten Schalke 04 - um die Macht über den mehr als 6 Milliarden Euro Umsatz schweren Betrieb präsentiert er sein neues Elektroauto-Start-up: Oldtimer mit Stromantrieb.

Eineinhalb Jahre Arbeit stecken im Prototypen, einem VW-Käfer Cabrio aus dem Jahr 1971. Inzwischen sind weitere Käfer fertig. "Beim Zerlegen fühle ich mich besonders wohl", witzelt Tönnies.

Doch mit seinem Engagement verfolgt er ernsthafte Ziele: "Die Umstellung auf E-Mobilität läuft sehr schleppend. Die Vorurteile gegenüber der Technologie sind leider noch immer gravierend", sagt Tönnies. "Förderprämien nutzen nichts, die Menschen müssen die Vorteile selbst erleben."

Vor einem Jahr hat der gelernte Metzger daher die Firma Electrify gegründet. Inzwischen verleast das Unternehmen 150 Elektro-Fahrzeuge und will zum Jahresende 450.000 Euro umsetzen. Ende nächsten Jahres soll mit 300 bis 400 Autos bereits die Millionengrenze fallen. Wichtigster Kunde ist derzeit das Deutsche Rote Kreuz, als Kooperations- und Werkstattpartner konnte Tönnies gerade den französischen Autokonzern PSA (Peugeot ) gewinnen.

Mit dem E-Käfer geht er nun einen Schritt weiter. "Ich wollte das ungewöhnlichste Fahrzeug auf dem Markt bauen und eine symbolische Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft schlagen", sagt er.

Herausgekommen ist eine Hightech-Version der Automobillegende, mit Automatikschaltung, Schnellladegerät und Ledersitzen. Das 1 Tonne schwere Gefährt lässt sich in einer Stunde vollständig aufladen und hat bei einer Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h eine Reichweite von 150 Kilometern. Von 0 auf 100 km/h braucht der umgerüstete Käfer keine 5 Sekunden. Produktionskosten pro Fahrzeug: 119.000 Euro.

Die "Retro-Käfer" getauften Autos will Tönnies in Kooperation mit Nobelhotels wie dem Stanglwirt in Kitzbühel für 220 Euro am Tag an Gäste vermieten, "die im Alltag kaum Zeit haben, Erfahrungen mit der Technologie zu sammeln". Obwohl die Nachfrage von Hotels aus Sylt bis Monaco sehr hoch sei, sollen nur 20 Fahrzeuge pro Jahr gebaut werden.

Geld verdient Tönnies mit seiner 50-Prozent-Beteiligung am familieneigenen Fleischriesen genug, es geht ihm um die Mission. Doch auch der Spaß kommt beim Hobby-Musk aus Rheda, der privat einen Tesla Model S fährt, nicht zu kurz: "Retro-Käfer fahren, ist wie guter Sex. Man muss es mal gemacht haben, um mitreden zu können."

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