05.09.2018 
Premiere des Elektroautos Mercedes EQC

Der Hoffnungsjäger - dieser Mercedes soll Tesla Paroli bieten

Aus Stockholm berichtet
Dieter Zetsche präsentierte in Stockholm den Tesla-Fighter Mercedes EQC
AFP
Dieter Zetsche präsentierte in Stockholm den Tesla-Fighter Mercedes EQC

Der Ort der Modell-Enthüllung: Idyllisch. Der Aufwand: beachtlich. Die Unsicherheit: Gut maskiert hinter großen Worten. Mit großem Brimborium hat Daimler in einem Kunstmuseum nahe Stockholm das erste Modell seiner neuen Elektroauto-Marke EQ enthüllt: Einen EQC genannten Elektro-SUV. Mit dem Wagen, der Mitte 2019 in den Handel kommt, bläst Daimler zur Aufholjagd auf den kalifornischen Elektroauto-Pionier Tesla .

Den "Anbruch einer neuen Ära" versprach Daimler-Chef Dieter Zetsche, als er in Jeans, blauem Jackett und Turnschuhen auf die Bühne trat. Auch Mercedes hat einigen Design-Ballast über Bord geworfen: Das Auto kommt mit wenigen Knicken auf Motorhaube und den Flanken aus. Der Kühlergrill, den Mercedes auch in der Elektroauto-Ära beibehalten will, erinnert ein wenig an ein Lächeln. Innen wartet die übliche Bedien-Landschaft mit einem großem, weitem Touchscreen. Bei der Verarbeitung, so legt es ein erster Blick nahe, liegen die Schwaben nach wie vor klar vor Tesla.

Womit der Wagen gegenüber der Konkurrenz punkten soll - das kleidete Zetsche in eher wolkige Worte: Mit einem "perfekten Gesamtpaket" aus "überragendem Design, enormer Funktionalität, herausstechender Sicherheit und einer unübertroffenen Bequemlichkeit". Zum Preis des Autos wollen sich die Schwaben nach wie vor nicht äußern. "Wettbewerbsfähig" werde dieser sein, hieß es von Seiten der Daimler-Manager. Damit dürfte sich der Einstiegspreis für den Wagen wohl zwischen 70.000 und 80.000 Euro einpendeln.

Einstiegspreis wohl über 70.000 Euro

Wie wichtig die EQC-Vorstellung für Daimler ist, ließ sich sich auch am enormen Aufwand ablesen, den die Schwaben für die Vorstellung eines einzelnen Modells treiben. Rund 500 Journalisten aus aller Welt wurden nach Stockholm gebeten. In einer ehemaligen kleinen Autofabrik im Süden der Stadt feierte Daimler Stunden vor der Enthüllung des EQC eine eigene, kleine Automesse. Zur Einstimmung auf die EQC-Enthüllung konnten Medienvertreter einen Nachmittag lang Vorträgen zum Design, zum Sicherheitskonzept und zur Produktion des Autos erfahren.

Weltbewegend Neues war zwar nicht dabei. Doch die Mercedes-Manager waren peinlich darauf bedacht, nur nicht zu konkret zu werden oder zu sehr in die Tiefe zu gehen. Hinter den großen Worten blitzte doch immer wieder die Anspannung auf - und die Unsicherheit darüber, ob Daimlers EQC tatsächlich das Zeug zum Tesla-Fighter hat.

Der EQC mag seinen Insassen eine besonders hohe Sicherheit bieten. Er mag komfortabler ausfallen als bisherige Elektroautos und sich besser per Sprache bedienen lassen als die Konkurrenz. Eines fehlt ihm jedoch: Ein echtes Alleinstellungsmerkmal - also etwas, mit dem Mercedes sich von der Konkurrenz absetzen kann.

Die technischen Eckdaten des Autos sind solide, überragend sind sie jedoch nicht. Der 4,7 Meter lange EQC hat einen 80 kWh großen Lithium-Ionen-Akku im Unterboden, der für 450 Kilometer Reichweite sorgen soll - gemessen allerdings nach dem alten Prüfzyklus NEFZ. In der Praxis dürften so um die 350 Kilometer mit einer Akkuladung möglich sein.

Rund 350 Kilometer Reichweite

Doch Schnelladen beherrscht der EQC auch nur in Maßen: Mit maximal 110 Kilowatt lässt sich der EQC betanken. Damit, so versprechen die Daimler-Leute, soll sich der Akku in 40 Minuten zu 80 Prozent füllen lassen. Spitzenklasse ist das nicht: Audis Elektro-SUV E-Tron soll 500 Kilometer weit mit einer Akkuladung kommen und schafft 150 Kilowatt Ladeleistung - und auch Teslas Model S und X liegen da doch etwas drüber. Und die Ingolstädter sind auch um ein gutes halbes Jahr früher im Handel als die Schwaben: Sie wollen ihren E-SUV noch Ende 2018 in den Handel bringen. Daimlers EQC kommt erst Mitte 2019 in den Verkauf.

Doch Daimler-Chef Dieter Zetsche macht sich offenbar keine Sorgen darüber, in keiner dieser Kategorien mit dem EQC die aktuelle Bestmarke zu liefern. "Wir haben Mercedes immer so verstanden, dass wir das beste Gesamtpaket liefern - im Zusammenspiel von lauter guten Eigenschaften", sagt er in kleinerer Runde vor Journalisten. Das müsse nicht notwendigerweise die maximale Reichweite oder Ladeleistung sein. Und so betont entspannt sich Zetsche vor Journalisten präsentiert - bei Nachfragen zu konkreten Zahlen wird er schmallippig.

"Ich sehe keinen Nutzen darin, eine pure Elektroautofertigung aufzubauen"

Geplante Verkaufszahlen fürs das erste Jahr will er nicht nennen, Fragen zur Profitabilität weicht er aus. Immerhin eine Aussage lässt aufhorchen: Der EQC basiert in großen Teilen auf dem Verbrennermodell GLC. Künftige Modelle ihrer Elektroauto-Familie sollen dann auf einer eigenen modularen Elektroauto-Plattform stehen. Die EQ-Modelle sollen aber auf jenen Bändern gefertigt werden, auf denen auch Autos mit Verbrennermotoren produziert werden. Das sei eine der Anforderungen an die Entwickler gewesen, erklärt Zetsche. "Ich sehe keinen Nutzen darin, eine pure Elektroautofertigung aufzubauen", meint Zetsche. Die Konkurrenz beim Volkswagen-Konzern, die aktuell an einem eigenen modularen Elektro-Baukasten arbeitet, sieht das offenbar anders.

Zetsche hofft wohl, auf diese Weise die Kosten für die Elektroauto-Entwicklung und -Fertigung im Zaum halten zu können. Die sind für die Schwaben ohnedies beträchtlich: 10 Milliarden Euro steckt Daimler in den kommenden Jahren in seine Elektroauto-Modelle, 1 Milliarde Euro in die Batteriefertigung. Es geht für Daimler also um hohe Summen - und um eine Aufholjagd, bei der auch Daimlers deutsche Konkurrenten nun mächtig Gas geben.

Auftakt zum Gegenangriff auf dem US-Markt

Denn die Weltpremiere des EQC soll der Auftakt zum großen Gegenangriff werden - nicht nur für Mercedes, sondern für sämtliche deutsche Premiummarken. Jahrelang haben Daimler , BMW und Audi den Markt für noble Elektroautos mit üppiger Reichweite komplett dem Elektroauto-Pionier Tesla überlassen. Das beginnt den Deutschen nun so richtig weh zu tun, und zwar im wichtigen US-Markt.

In den vergangenen Monaten haben die Kalifornier die Deutschen in den USA regelrecht vorgeführt - trotz aller Fertigungsprobleme bei ihrem Model 3: In den USA lässt Teslas Luxuslimousine Model S bei den Verkaufszahlen die S-Klasse, die 7er-Serie oder den A8 bereits deutlich hinter sich.

Nun fahren die Deutschen endlich zum großen Konter auf: Sie stellen nun in Serie rein elektrische Modelle vor, die echte Konkurrenten für Teslas Model S und bald auch dem kleineren Model 3 werden sollen. Bereits am Sonntag gibt Daimlers Erzrivale BMW einen Ausblick auf seinen Stromer "iNext", der ab 2021 verkauft werden soll. Und am 17. September stellt Audi die Serienversion seines "E-Tron" vor - und zwar ziemlich selbstbewusst in San Francisco statt in Brüssel, wo der Wagen künftig vom Band rollt.

BMW und Audi folgen mit eigenen Modellen

Eigentlich seinen E-Tron schon Ende August präsentieren. Doch dieser Termin platzte wegen der Verhaftung von Audi-Chef Rupert Stadler. Nun blieb den Ingolstädtern nur noch eine kleine Spitze gegen die Konkurrenz: Sie wiesen gestern noch per Presseaussendung darauf hin, dass die Serienfertigung des E-Tron bereits angelaufen sei.

Die ersten E-Tron-Wagen sollen Ende 2018 ausgeliefert werden, Mercedes Elektro-Bannerträger EQC kommt erst Mitte 2019 in den Verkauf. Gebaut wird der EQC zuerst in Bremen. BMW lässt sich mit seinem Gegenschlag gegen Tesla noch etwas Zeit: Als Zwischenlösung elektrifizieren die Bayern erstmal den Mini und den X3. Erst in drei Jahren soll der "iNext" auf die Straße rollen, dann aber neue Maßstäbe punkto Reichweite und autonomem Fahren setzen.

Preislich spielen der EQC und auch Audis E-Tron in einer ähnlichen Liga: Der EQC soll ab rund 70.000 Euro zu haben sein, für seinen Elektro-SUV ruft Audi Einstiegspreise ab 80.000 Euro ab. Innen setzen beide auf größere Touchscreens samt entsprechender Bedienung, reichlich Assistenzsysteme und hochwertige Verarbeitung. Und noch etwas eint die beiden ersten echten Tesla-Jäger aus Deutschland: Sie sind beide von Verbrenner-Modellen abgeleitet, weil die rein für Elektroautos ausgelegten Fahrzeugarchitekturen noch nicht ganz fertig entwickelt sind.

Bei Audis E-Tron führt das unter anderem dazu, dass die Reichweite mit 400 Kilometern nicht gerade riesig ausfällt. Teslas SUV Model X liegt - mit größerer Batterie an Bord - bei knapp 500 Kilometern. Audis geplanten Nachfolger sollen dann deutlich über 500 Kilometer mit einer Akkuladung schaffen. Ähnlich kalkuliert auch Mercedes für seine künftigen EQ-Modelle.

Auch Jaguar mischt mit

Ob bereits die erste Angriffswelle von Mercedes und Audi gegen Tesla verfängt, bezweifeln aber viele Experten. Denn Innovationsführer sind die Deutschen damit nicht. Und ganz alleine auf weiter Flur mit ihrer Tesla-Attacke sind sie auch nicht: So tummelt sich seit kurzem auch Jaguar mit dem iPace im Feld der noblen Tesla-Jäger.

Manches lernen die etablierten Autobauer von Tesla dazu: So lässt sich im EQC über Drahtlos-Internetverbindungen Software-Updates einspielen - in beschränktem Umfang. Für Aktualisierungen bei sicherheitsrelevante Funktionen wie etwa Assistenzsysteme soll der EQC nach wie vor in die Werkstatt - aus Sicherheitsgründen, wie Daimler sagt.

Bei einem anderen wichtigen Thema dürften die Deutschen aber bald ihre jahrzehntelange Erfahrung ausspielen können. Sollten sich die Verkaufserwartungen für ihre Elektromodelle einigermaßen erfüllen, dürften die Deutschen wohl kaum in ähnliche Produktionsprobleme schlittern wie Tesla mit seinem Model 3. Zudem verfügen Mercedes, BMW und Audi über ein großes Service-Netzwerk - etwas, das Tesla einfach nicht bieten kann, das für viele konservativere Käufer aber ein wichtiges Argument sein könnte.

Ob der EQC für Mercedes - und für die deutschen Luxusautohersteller - der erhoffte Wendepunkt Richtung Elektromobilität ist, werden erst die nächsten Jahre zeigen. Die Investitionen in die Elektromodelle sind beachtlich, die Chancen auf einen Markterfolg intakt. Eine sichere Bank ist der verordnete Aufbruch ins Luxus-Elektroautozeitalter aber nicht. Und die Unsicherheit darüber war trotz allem Brimboriums in Stockholm durchaus deutlich zu spüren.

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