25.07.2018 
(Möglicher) Chefwechsel in Zeitlupe

Was die Personalie Duesmann für Audi so knifflig macht

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BMW-Einkaufsvorstand Markus Duesmann heuert bei Volkswagen an - und gilt als Favorit für den Audi-Chefsessel
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BMW-Einkaufsvorstand Markus Duesmann heuert bei Volkswagen an - und gilt als Favorit für den Audi-Chefsessel

Diesmal hat der Volkswagen-Konzern gute Gründe, bei einer Top-Personalie herumzudrucksen. Vor wenigen Stunden machte die Meldung die Runde, dass Volkswagen den bisherigen BMW-Einkaufsvorstand Markus Duesmann als Audi-Chef an Bord holen will. Am frühen Morgen bestätigte der Wolfsburger Autoriese immerhin, dass der 49-jährige BMW-Mann in den Volkswagen-Konzernvorstand wechseln soll. Eine entsprechende Vereinbarung wurde bereits unterzeichnet, hieß es da. Duesmann werde seine Tätigkeit aufnehmen, sobald er hierfür zur Verfügung steht.

Eine Entscheidung über Duesmanns künftige Ressortverantwortung gebe es noch nicht, betonte VWs Aufsichtratssprecher Michel Brendel. Doch die Vermutung, dass Duesmann neuer Chef der Vier-Ringe-Marke werden soll, liegt schon ziemlich nahe. Denn im 9-köpfigen Volkswagen-Konzernvorstand gelten derzeit nur zwei Posten als reif für eine Neubesetzung: Der des Audi-Chefs - und der des China-Vorstands. China-Chef Jochem Heizmann ist bereits 66 Jahre alt und dürfte wohl in Kürze in Rente gehen. Asien-Erfahrung hat Duesmann allerdings keine vorzuweisen.

Deshalb dürfte Duesmanns Wechsel wohl zügig auf dem Audi-Chefsessel enden. Bloß: Verkünden könnte der Volkswagen-Konzern eine solche Entscheidung, selbst wenn sie schon gefallen wäre, zum jetzigen Zeitpunkt nicht.

Es ist wohl kaum Zufall, dass VW-Konzernvorstand Hiltrud Werner in einem Interview demonstrativ dem derzeit inhaftierten Audi-Chef Rupert Stadler den Rücken stärkt. Stadler jetzt aus dem Amt zu entlassen halte sie für falsch, erklärte VWs oberste Zuständige für "Integrität und Recht" gegenüber der Financial Times. Noch sei keine Anklage gegen Stadler erhoben oder Beweise für ein mögliches Fehlverhalten vorgelegt worden, so Werner. "Wenn jemand auf diese Weise gedemütigt wird, denke ich, dass ein Aufsichtsrat ihn nicht weiter demütigen muss".

Bricht Audi nun mit einer alten Vorstandschef-Tradition?

Duesmann selbst ist aktuell ohnedies noch vom guten Willen seines bisherigen Arbeitgebers abhängig. Zwar hat BMW gestern Abend den Abgang von Duesmann aus "persönlichen Gründen" verkündet. Sein Vorstandsvertrag läuft aber noch gut ein Jahr. Eine Wettbewerbsklausel in seinem Kontrakt würde ihn dann noch ein weiteres Jahr an BMW binden. Doch solche Vertragsklauseln lassen sich auch zwischen Konkurrenten verhandeln. Das zeigte nicht zuletzt der jetzige Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess vor. Der wechselte 2015 mit einigen Monaten Übergangsfrist von einem BMW-Vorstandsposten zum Volkswagen-Konzern.

Berichten zufolge soll Duesmann schon zum 1. Januar 2019 seinen Job bei Volkswagen antreten können. Wenn Duesmann nun tatsächlich neuer Audi-Chef wird - und dafür spricht vieles - wäre das für die Vier-Ringe-Marke eine Abkehr von einer jahrzehntelangen Tradition.

Einen fliegenden Wechsel von einem Konkurrenten direkt auf den Audi-Chefsessel gab es bei den Ingolstädtern noch nie in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten. Stadler selbst arbeitete schon lange für den Volkswagen-Konzern, bevor er 2007 Audi-Vorstandschef wurde. Das trifft auch auf Stadlers Vorgänger Martin Winterkorn (von 2002-2006 Audi-Chef) und Franz-Joseph Paefgen (1997-2002) zu. Auch Herbert Demel, der Audi von 1994-1997 leitete, sammelte zuvor drei Jahre Erfahrung als oberster Audi-Motorenentwickler und -Technikchef.

Auch für Diess hätte Duesmanns Berufung handfeste Vorteile

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Für Duesmann als künftigen Audi-Chef spricht aus Volkswagen-Konzernsicht einiges. Der entscheidende Vorteil ist wohl: Duesmann hat als BMW-Mann keine Berührungspunkte mit dem VW-Abgasskandal. Zudem leitete Duesmann bei BMW auch ein paar Jahre lang den Motorenbau. Er hat sich, so darf man vermuten, auch schon mal mit den Tücken der Motorensoftware und Stickoxid-Emissionen befasst. Ihm dürften die Volkswagen-Konzernoberen wohl mehr als anderen zutrauen, mit viel Sachverstand bei Audi aufzuräumen. Denn die Motorenentwickler der Vier-Ringe-Marke stehen nach wie vor im Zentrum des Abgasskandals.

Auch Volkswagen-Konzernchef Diess käme der Wechsel von Duesmann an die Audi-Spitze gelegen. Denn er hätte so einen weiteren Weggefährten aus BMW-Zeiten im Volkswagen-Konzern und kann so seine Hausmacht mehren. Und das an wichtiger Stelle: Denn die Luxusmarke Audi liefert neben Porsche die höchsten Gewinne im Volkswagen-Reich ab.

Allerdings: Für Duesmann könnte der fehlende Audi-Stallgeruch auch zum Problem werden. Die Ingolstädter sind im Volkswagen-Konzern als eher stolze Truppe bekannt, die gerne ihr eigenes Süppchen kocht. Ob sich 40.000 Audianer widerstandslos von einem von außen kommenden Manager führen lassen, muss sich noch weisen.

Der letzte, der das versuchte, war schnell weg vom Fenster: Im Jahr 1993 hievte Ferdinand Piëch, damals bereits Volkswagen-Konzernchef, den ehemaligen Daimler-Manager Franz-Josef Kortüm in den Audi-Chefsessel. Der hielt sich dort nur 13 Monate, bevor Piëch ihn - angeblich wegen schlechter Zahlen - wieder schasste.

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