23.11.2017  Daimler setzt auf Elektro-Lieferwagen

So will Mercedes-Benz den Streetscooter in Schach halten

Von
Daimler

Volker Mornhinweg hat es schwer mit seinem Publikum. Im blütenweißen Hemd und dunkelblauem Jackett steht der Leiter von Mercedes-Benz Van-Sparte am Montagmorgen in einem weiß getünchten Konferenzraum in Berlin-Wedding. In dieser optisch hochreinen Umgebung will der drahtige Ingenieur eigentlich erklären, warum Daimler nun auch bei Lieferwagen an den emissionsfreien Elektroantrieb glaubt und seine Lieferwagenflotte elektrifiziert.

Sein Team hat diesen Termin ordentlich vorbereitet: Schicke, in blau und schwarz gehaltene Präsentationen flimmern über die Monitore. In Workshops und Testfahrten sollen die gut zwei Dutzend Journalisten erfahren, was der E-Vito, die Elektro-Variante des Daimler-Transporters, alles bietet. Etwa, dass er bereits nach drei Jahren günstiger fährt als ein vergleichbarer Diesel-Vito. Dass der E-Vito bereits im zweiten Halbjahr 2018 auf den Markt kommt. Und dass Daimlers Nutzfahrzeugleute danach auf den Sprinter und den Citan mit Elektroantrieb anbieten wollen.

Doch der so hübsch geplante Ablauf gerät schon nach wenigen Minuten ins Wanken. Denn in ersten Zwischenrufen - und auch danach - wollen Journalisten vor allem eines wissen: Wie soll sich der E-Vito im Vergleich zur neuen Konkurrenz namens Streetscooter schlagen? Das ist jener Elektro-Lieferwagen, den ein von der Deutschen Post aufgekauftes Startup exakt für die Post-Bedürfnisse entwickelt hat. Die Post hatte vor Jahren auch bei Daimler und VW für einen solchen Elektrotransporter vorgefühlt und sich dabei Abfuhren geholt. Nun verkauft die Post ihren E-Transporter auch an Interessenten außerhalb des Konzerns - und plant bereits weitere Werke.

Die Konkurrenz, die offiziell keine ist

Mornhinweg schafft es, Streetscooter in seiner Rede nicht ein einziges Mal mit vollem Namen zu erwähnen. Offiziell ist der Post-Elektrolieferwagen laut Mornhinweg keine echte Konkurrenz für Daimler, den weltgrößten Nutzfahrzeughersteller. "Die Post ist weiterhin ein guter Kunde von uns", erklärt Mornhinweg auf Nachfrage. "Nicht die erstbeste Lösung gewinnt, sondern die beste", stichelt er in seiner Rede. Daimler bediene mit seinen Vans 50 Branchen, Streetscooter gerade einmal eine einzige, meint er später. Zudem sei der Streetscooter, der eine Gesamtzuladung von 740 Kilogramm verträgt, doch eine Größenklasse unterhalb der Daimler-Vans angesiedelt.

Doch das hat sich bereits geändert. Denn Streetscooter hat bereits ein größeres Modell, den Work L, im Programm, der durchaus in der Größenliga des Vito spielt. Auch ein noch größeres Modell ist bereits geplant.

Ganz so kalt wie öffentlich zur Schau gestellt lässt das Post-Vehikel die Daimler-Mannen wohl doch nicht. Denn Mornhinwegs Mannschaft hat sich den Elektrotransporter der Post und den Ansatz der Streetscooter-Entwickler sehr gründlich angesehen. Nicht nur theoretisch, sondern auch ganz handfest: Daimler hat sich über einen Autovermieter einen Streetscooter-Lieferwagen geliehen und diesen auf dem Werksgelände in Stuttgart über die Teststrecke geschickt.

Aus alldem hat Mornhinwegs Mannschaft, und das ist bei der Vorstellung des E-Vito unübersehbar, einige Schlüsse für das eigene Geschäft gezogen. Für den E-Vito verspricht Mornhinweg, gemeinsam mit Flottenkunden eine "maßgeschneiderte Lösung" für die Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens zu entwickeln. Ähnliches hat Streetscooter bei der Post getan - und etwa besonders verstärkte Türen eingebaut, die auch zehntausende Male Öffnen und Schließen überleben sollen.

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