08.06.2018 
Türkei zieht eigene Automarke auf

Bosch-Manager soll türkisches Elektro-Volksauto auf die Straße bringen

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Die Nationalauto-Pläne des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nehmen konkretere Gestalt an
Pool Presdential Press Service/AP/dpa
Die Nationalauto-Pläne des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nehmen konkretere Gestalt an

Eine eigene inländische Fahrzeugmarke für die Türkei bis 2021 - dieses Ziel gab der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan durchaus überraschend im vergangenen November aus. Der Druck von ganz oben für das Prestigeprojekt scheint zu wirken. Denn die Türkei konnte in den vergangenen Tagen einige Fortschritte auf dem Weg zur Produktion eines "Volksautos" vermelden.

So haben die fünf an dem Prestigeprojekt beteiligten türkischen Unternehmen eine gemeinsame Firma mit dem Namen "Turkey's Automobile Initiative Group" gegründet, wie die Zeitung "Daily Sabah" berichtet. Das Konsortium hat zudem in Deutschland eine Führungskraft als Chef für das Nationalauto-Projekt abgeworben: Der Bosch-Manager Mehmet Gürcan Karakas wird ab 1. September das Konsortium für den Bau eines türkischen Volksautos leiten.

Die Personalie verkündete der türkische Präsident gleich selbst in einem TV-Interview vergangene Woche. Bislang war Karaka bei Bosch als Bereichsvorstand für den Geschäftsbereich Electrical Drives am Bosch-Standort Bühlertal tätig, wie die Stuttgarter Zeitung berichtet. Der in der Türkei geborene und aufgewachsene studierte Maschinenbauer hat sowohl in seinem Heimatland als auch in Deutschland für Bosch gearbeitet; in den Jahren 2004 bis 2007 leitete er laut dem Bericht die türkische Landesgesellschaft von Bosch.

Er sei glücklich über die Gelegenheit, seine Wissen und seine Erfahrung im globalen Markt nun in sein Heimatland zu transferieren, erklärte Karaka zu seinem neuen Job. "Sie können sicher sein, dass die Türkei eine im globalen Umfeld wettbewerbsfähige Marke produzieren wird", sagte Karaka in einer ersten Stellungnahme.

Erstes Modell soll gleich ein reines Elektroauto werden

Ziemlich große Töne also für ein Projekt mit einem ehrgeizigen Zeitplan. Früheren Berichten zufolge soll der erste Prototyp des neuen Nationalautos bereit 2019 vorgestellt werden, ab Ende 2021 soll der Wagen in den Verkauf kommen.

Vergangenen November erklärte der türkische Staatspräsident noch, er unterstütze Anstrengungen, dass die Fahrzeuge Hybrid- oder Elektroantrieb haben sollen. Das hat sich offenbar geändert - das türkische Volksauto soll als reines Elektromobil starten. Bereits das erste Modell soll rein elektrisch angetrieben werden, erklärte der Chef eines der an dem Nationalauto-Konsortium beteiligten Unternehmen im März. Insgesamt sollen drei verschiedene Modelle auf der geplanten Plattform gebaut werden. Die Batterien des Fahrzeugs sollen sich in fünf bis sechs Stunden vollladen lassen, kündigte der türkische Premierminister vor einigen Monaten an. Und die türkischen Behörden wollen den Aufbau der dafür notwendigen Ladeinfrastruktur unterstützen.

Beteiligt an dem nationalen Auto-Projekt sind fünf durchaus namhafte türkische Unternehmen, die je 19 Prozent an "Turkey's Automotive Initiative Group" halten. Zwei davon haben langjährige Erfahrung mit dem Bau von Fahrzeugen: Die Anadolu-Gruppe stellt seit Jahrzehnten gemeinsam mit Isuzu Motors Lieferwagen, Leicht-Lkw, Pickups Busse her. Das türkisch-katarische Unternehmen BMC ist einer der größten Nutzfahrzeughersteller der Türkei. Im Konsortium vertreten ist auch der größte türkische Mobilfunker Turkcell und die Zorlu Holding, deren Tochter Vestel zu den führenden Elektronikunternehmen am Bosporus zählt. Fünfter Partner ist die türkische Kök Group.

Koordiniert werden die Aktivitäten von der Union der Kammern und Börsen der Türkei (TOBB) - was das hohe Interesse des türkischen Staates an dem Autoprojekt nochmal verdeutlicht. Der Plan vom eigenen türkischen Auto ist von langer Hand vorbereitet. Bereits in Erdogans Langfrist-Plan "Vision 2023" deutete vieles darauf hin, dass Erdogan die nationale Autoindustrie stärken will.

Ein erster zahlender Kunde hat schon "reserviert"

Die ist für das Land - und für Europa - durchaus bedeutend: Im vergangenen Jahr produzierten Autohersteller in der Türkei 1,7 Millionen Fahrzeuge vom Band, zeigen die Zahlen des türkischen Autoherstellerverbands OSD. Darunter waren 1,1 Millionen Pkw. Mit türkischen Jointventure-Partnern fertigt etwa Renault-Nissan Fahrzeuge in der Nähe von Bursa, Hyundai produziert 130 Kilometer östlich von Istanbul die Kleinwagen-Modelle i10 und i20, Toyota baut ein paar Kilometer weiter Kompaktwagen und SUVs.

Ob die von Erdogan so protegierte türkische Nationalauto-Marke zum Verkaufserfolg wird, steht aber noch in den Sternen. Erdogans Prestigeprojekt ist nicht der erste Anlauf Richtung Nationalauto. In früheren Jahrzehnten gab es bereits zwei rein türkische Automarken, die in den 1990er-Jahren vom Markt verschwanden: Die Marke "Anadol", die in Kooperation mit Ford insgesamt sieben in der Türkei designte und produzierte Modelle auf den Markt brachte. Rein für den türkischen Markt bestimmt war auch der "Tofas Murat", ein leicht modifizierter Nachbau eines Fiat-Modells, dessen Verkauf im Jahr 2003 eingestellt wurde.

Einen prominenten, zahlenden Kunden hat die gerade im Entstehen begriffene türkische Nationalautomarke schon mal: Den Präsidenten selbst. "Ich will das erste dieser Autos besitzen, und natürlich werde ich es bezahlen", erklärte Erdogan bereits vergangenen November. "Wir werden das türkische Auto mit dem besten Design und der besten Technologie produzieren, sowohl für unser Land als auch für die Welt", schob er damals noch nach. Versagen ist also keine Option.

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