05.10.2018 
Warum unsere Autos optisch abrüsten sollten

Mehr Glubschaugen, weniger Adlergesichter

Eine Meinungsmache von Stefan Verra

Haben Sie's mitbekommen? MAN hat einen freundlichen Lastwagen entworfen. Große, neugierige Scheinwerferaugen, ein Führerhaus, das zu lächeln scheint - ach!

Ja, fallen denn der Industrie keine technischen Gimmicks mehr ein? Müssen sie ihre Frachter jetzt auf freundlich machen?

Nein, ganz im Gegenteil, das knuddelige Design ist der Gimmick! Die Industrie weiß natürlich ganz genau, dass wir Autos zuerst über ihr Äußeres wahrnehmen. Erst wenn ein Fahrzeug uns optisch gefällt, fangen wir an, uns mit Leistung, Ausstattung und so weiter zu beschäftigen. Stimmt der Look nicht, wird's für den Hersteller schwer, Käufer zu finden.

Stefan Verra
  • Copyright: Severin Schweiger
    Severin Schweiger
    Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Seine Vortragsreisen führten ihn bisher in 13 Länder auf vier Kontinenten. Er ist Universitätsdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache Analysen auf www.stefanverra.com.

Nimm! Mich! Ernst!

Aber warum auf einmal freundlich? Ja, das ist wirklich verwunderlich. Denn in den vergangenen Jahren wurden sowohl die Gesichter der Laster als auch der Personenwagen zunehmend aggressiver. Die Lichter gleichen angriffigen Schlangen oder Adlergesichtern, Kühlergrills wie aufgerissene Mäuler. Die Linien der Front gehen von der Mitte unten, nach außen und oben. So, wie der Mensch seit jeher Aggressivität an der Mimik erkennt: Die Augenbrauen gehen an den äußeren Enden nach oben.

Klar, wenn Brummifahrer schon tagelang auf den Autobahnen herumgondeln müssen, wollen sie auch ernst genommen werden. Die Mimik muss also externalisiert werden. Und da kommt so eine Kühlerhaube gerade recht.

Über die Jahre haben die Schnauzen der Laster ein Aussehen wie Mauern angenommen oder wie massive Viehzäune. Sie kennen das von der roten Ampel. Wenn der verchromte Viehzaun von hinten an Sie ranprescht und Sie unbewusst ihr Bremspedal bis zum Boden durchtreten. Und aufgrund seiner kurzen Schnauze kommt der Viehzaun gefühlt direkt an Ihrer Rückbank zum Stehen. Zur Sicherheit werfen Sie immer wieder einen kontrollierenden Blick in den Rückspiegel und sehen ihn noch ein wenig nachschaukeln, jahaaaa, da kommt Freude auf. Immer wieder ein Hochgefühl, wenn zwei Körper miteinander sprechen, ohne, dass der andere etwas davon weiß.

Und doch weiß der Fahrer des Lasters natürlich, dass er der mächtigere Macker ist. Selbst wenn Sie mit Ihrem Porsche Panamera vielleicht in der Tempo-30-Zone auf dicke Hose machen können, schnupft Sie so ein 40-Tonner zum Frühstück!

Aggressives Design macht aggressiv

Und nun auf einmal ändert die Industrie ihre Meinung? Wenn Sie mich fragen: Gut so! Höchste Zeit! Natürlich geht es den Designern in Zeiten schlecht beleumundeter Dieselmotoren ganz offensichtlich darum, das Image der Stinker zu verbessern. Nicht umsonst verfügt MANs Grinse-Lkw über einen Elektroantrieb. Aber das Design hat auch eine soziologische Funktion. Wir unterschätzen nämlich die Steigerung der Aggressivität im Straßenverkehr durch die aggressive Mimik der Autos. Das fängt an bei den Lkws und hangelt sich über die SUVs mit ihren Killerkühlern und Schießschartenscheiben bis runter zu den Kleinwagen. Auch die werden in ihrem Erscheinungsbild zunehmend zorniger.

Klar gibt es einem ein gutes Gefühl, wenn man seine Dominanz im Straßenverkehr zeigt. Wir vergessen aber häufig, dass andere Autofahrer das sehen und dann auf zwei Arten reagieren: mit Zurückweichen oder mit Verärgerung. Meist mit beidem.

Es fällt ihnen schwer, das nachzuvollziehen? Dann versuchen Sie in Ihrem nächsten Meeting doch mal Folgendes: Rauschen Sie herein, näheren Sie sich auf Mundgeruchsabstand Ihren Kollegen und kneifen Sie dabei aggressiv die Augen zusammen. Schaukeln Sie mit dem Kopf gerne ein wenig nach, jahaaa, da kommt Freude auf! Und wenn Sie beim Vorstand vorsprechen sollen, und der macht das bei Ihnen, dann denken Sie an diese Kolumne.

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten in Deutschland, Dozent und Autor zahlreicher Bücher. Verra ist Mitglied der Meinungsmacher von manager-magazin.de. Dennoch gibt sein Beitrag nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.

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