30.01.2018 
Skandal um VW-gesponserte Tierversuche

Ein seltener Einblick in die dunkle Seite des Lobbyismus

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Schmutziges Papiertuch vor einem Diesel-Auspuff: Das hätte es in offiziellen EUGT-Ergebnissen kaum gegeben
DPA
Schmutziges Papiertuch vor einem Diesel-Auspuff: Das hätte es in offiziellen EUGT-Ergebnissen kaum gegeben

Der Name der Gruppe klingt harmlos, trotzdem steht die "Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT) nun heftig in der Kritik: Der vom Volkswagen-Konzern mitgetragene Verein hat in den USA Abgasversuche an Affen in Auftrag gegeben - wohl mit tatkräftiger Beteiligung von VW USA.

Dieses ethisch fragwürdige Vorgehen löste heftige Kritik aus - Politiker bezeichnen die Versuche als "absurd", "abscheulich" und "widerlich", VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch nennt die Vorgänge in keiner Weise nachvollziehbar" - und will die Verantwortlichen dafür "selbstverständlich zur Rechenschaft ziehen".

Federführend beteiligt an Affen-Versuchen in den USA war der Volkswagen-Konzern - doch ins Leben gerufen wurde die Lobby-Organisation EUGT von Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch. Im Sommer 2017 wurde die EUGT zwar aufgelöst. Doch ein Blick in den EUGT-Tätigkeitsbericht für die Jahre 2012 bis 2015 gibt ein wenig Aufschluss über den Zuschnitt einer obskuren Vereinigung . Dabei hinterlässt nicht nur die Projektbeschreibungen Beschreibung ein "Geschmäckle".

Ihre Ziele fasste die EUGT im Jahr 2010 so zusammen: Sie wolle "Aus- und Wechselwirkungen zwischen Emissionen, Immissionen und Gesundheit intensiver untersuchen". Dabei soll die Organisation Wege finden, um mögliche gesundheitliche Folgen zu vermeiden. Durchführen soll die EUGT eigene Forschungsprojekte, zugleich will sie aber auch Forschungsvorschläge unterstützen, die von Wissenschaftlern an die EUGT herangetragen werden.

Forschervereinigung von Automanagern geführt

Das sollte aber wohl streng am Gängelband der Automobilindustrie erfolgen, wie ein Blick in den Tätigkeitsbericht nahelegt. Denn im fünfköpfigen Vorstand saßen je ein Vertreter von VW, Daimler und BMW und ein Fraport-Manager. Vorstandsvorsitzender der Vereinigung war Professor Gunter Zimmermeyer, einst technischer Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie und langjähriger Bosch-Mitarbeiter. Als Geschäftsführer fungierte Michael Spallek, einst Leiter des Gesundheitsschutzes bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover.

Den wissenschaftlichen Beirat des EUGT leitete der Toxikologe Helmut Greim. Der emeritierte Professor der TU München sagte auch bereits vor dem Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestags aus - und berichtete dort bereits im September 2016 von Tierversuchen bei Abgastests. Greim wurde in der Vergangenheit jedoch mehrfach zu große Industrienähe vorgeworfen - etwa von der Organisation Lobbycontrol. Die Fernsehsendung "Monitor" beschrieb Greimim Oktober 2016 als industrienahen Gutachter, der seit Jahrzehnten die Politik beinflusse. Ein in dem Beitrag zitierter Staatsanwalt bezeichnete Greim sogar als "Falschgutachter", der "mit objektiver Wissenschaftlichkeit nichts im Sinn" hatte.

Erfreuliche Ergebnisse - für die Autobranche

Die Dokumentation des aktuellen Wissens zu den Effekten des Verkehrs sei Ziel der Vereinigung, heißt es in dem Bericht - ebenso wie eine Analyse und Bewertung von existierenden Studien und die Abhaltung von Symposien.

Tatsächlich fällt auf, dass die von der Forschungseinrichtung unterstützten Studien eindeutige und für die Automobilkonzerne durchaus erfreuliche Ergebnisse lieferten.

Ein "mit signifikanter Unterstützung" des EUGT durchgeführtes Projekt untersuchte Messungen aus den Umweltzonen in 19 deutschen Städten, in denen besonders schmutzige Diesel- und Benzinfahrzeuge nicht mehr fahren dürfen. Ergebnis der Studie: Die Verbannung dieser Fahrzeuge hatte sich kaum auf die Schadstoffbelastung ausgewirkt.

Nach Informationen von "Süddeutscher Zeitung", "NDR" und "WDR" hat die Forschungsvereinigung sogar versucht, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von einer kritischen Untersuchung abzuhalten. 2012 hatte die WHO Dieselabgase als krebserregend eingestuft. Vor einer weiteren Untersuchung soll die EUGT versucht haben, die WHO von diesem Vorhaben abzubringen, da es zu Dieselabgasen keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gebe.

Eine andere, vom EUGT unterstützte Studie kam zum Ergebnis, dass der Partikelausstoß von modernen Dieselmotoren kaum mehr zu vergleichen sei mit älteren Selbstzünder-Aggregaten - die Partikelbelastung sei deutlich gesunken, durch die Partikelfilter sei die Zahl der Teilchen zu "beinahe 100 Prozent" reduziert worden.

Die Studie an Affen wird in dem Tätigkeitsbericht ebenso kurz beschrieben - mit dem Hinweis, dass die ersten Resultate erst ab Mitte 2015 verfügbar sein würden. Zudem beschreibt das EUGT auch die Unterstützung für an der RWTH Aachen durchgeführte Studie zur Wirkung von Stickstoffdioxid am Arbeitsplatz, bei der Menschen freiwillig höhere Stickoxid-Dosen einatmeten.

Eine finale Fassung der Affenversuchs-Studie gab es dann wohl nicht mehr, seit gut einem halben Jahr ist auch die vorgebliche Forschungsvereinigung aufgelöst.

Bei der Abhaltung von Veranstaltungen dürfte die EUGT nicht allzu fleißig gewesen sein: Im Internet findet sich nur eine Presseaussendung aus dem Mai 2010, die ein EUGT-Symposium mit dem Titel "Umweltrisiken - Wahrnehmung und Realität" ankündigt. Der Tätigkeitsbericht des EUGT für die Jahre 2012-2015 lässt sich nur über Umwege online finden, die entsprechende Website wurde längst aufgelöst.

Offenbar war den beteiligten Autoherstellern ihre obskure Forschungsvereinigung schnell peinlich.

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