10.10.2017  Elektroautobauer mit Produktions-Problemen

Erlebt Börsenstar Tesla bald sein blaues Wunder?

Von Utz Claassen
Tesla-Chef Musk und das neue Model 3: Geniales Marketing, stockende Produktion, kümmerliche Stückzahlen
DPA
Tesla-Chef Musk und das neue Model 3: Geniales Marketing, stockende Produktion, kümmerliche Stückzahlen

Ist Tesla das Börsenwunder auf 4 Rädern? Oder erleben die globalen Batteriefetischisten ein blaues Wunder?

"Nur 260 Model 3 gebaut! Tesla verfehlt Quartalsziele deutlich" - so lasen sich die Online-Meldungen am 3. Oktober 2017, dem Tage der Deutschen Einheit, der doch geschichtlich eigentlich als ein Tag politischer Wunder zu gelten hat und insofern auch Hoffnung auf ökonomische Wunder auslösen sollte. Doch das war zumindest in diesem Jahr nicht der Fall. Das Datum der Erfüllung politischer Visionen und Träume erwies sich ökonomisch als Tag der Einsicht in offenbar unabwendbare Realitäten.

Utz Claassen

Betrachtet man die Marktkapitalisierung von Tesla , dem Börsenliebling aus der IT-Hochburg Palo Alto, dann hätte man auch überrascht sein können, wenn nur 260.000 Fahrzeuge des potenziellen Mega-Volumen-Modells gebaut worden wären. Zur Erinnerung: der Golf als Brot-und-Butter-Fahrzeug des Volkswagen-Konzerns verkaufte sich schon eine Million Mal pro Jahr zu einer Zeit, als in Wolfsburg über Multi-Milliarden-Marktkapitalisierungen in der Größenordnung, wie sie Tesla seit einiger Zeit erlebt, noch nicht einmal in kühnsten Phantasien geträumt wurde.

Doch in den aktuellen Meldungen aus dem Silicon Valley war nicht etwa von "nur" 260 Tausend Fahrzeugen, sondern gerade einmal von 260 (in Worten: zweihundert- sechzig!) Fahrzeugen der neuen Modellreihe die Rede. Und die Berichte bezogen sich zudem nicht etwa auf einem vermeintlich aufstrebenden Handwerksbetrieb in einem Vorort von Panama City oder Johannesburg, sondern auf das vermeintlich potenzialträchtigste Automobilunternehmen dieses Planeten, dessen Börsenwert zeitweise sogar die Marktkapitalisierung von General Motors überboten hat.

Selbst GM baut zeitweise mehr Elektroautos als Tesla

260 neue Autos der neuesten Generation bei gleichzeitig mehr als 59 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung bedeuten - dieses zugegebenermaßen etwas verwegene Zahlenspiel sei in diesem Zusammenhang einmal gestattet - weit über 200 Millionen Dollar Marktkapitalisierung für jeden dieser neuen Hoffnungsträger einer neuen Welt auf 4 Rädern. Und das, obwohl Tesla doch unstreitig, wie Tesla-Chef und Gründer Elon Musk selbst einräumt, derzeit noch eine "Geld verlierende" Gesellschaft ist.

Wie ein Unternehmen, bei dem schon Absatzzahlen im Hunderter-Bereich eine globale Meldung wert zu sein scheinen und das im gesamten Jahr 2016 gerade einmal 76.230 Fahrzeuge ausliefern konnte, mehr wert sein soll als der gesamte General Motors-Konzern mit seinen 10 Millionen im selben Jahr gebauter und erfolgreich verkaufter Automobile, der im Übrigen mitunter auch mehr Elektroautos baut als sein High-Tech-Wettbewerber im Fast-Noch-Startup-Format, erschließt sich einem auch nur halbwegs rational denkenden Menschen kaum.

Auch Elon Musk hält Tesla offenbar für überbewertet

Selbst Elon Musk scheint den immens gestiegenen Tesla-Börsenwert nicht mehr so ganz nachzuvollziehen zu können. "I do believe this market cap is higher than we have any right to deserve," sagte er jüngst gegenüber der britischen Zeitung "The Guardian", und wies zugleich darauf hin, das Tesla nur ein Prozent des Absatzes von GM produziere und zugleich ein Unternehmen sei, das Geld verliere. Wenn allerdings schon der CEO höchst selbst und höchstpersönlich öffentlich erklärt, er glaube, dass die Marktkapitalisierung höher sei, als es das Unternehmen verdient habe bzw. - genauer gesagt: - irgendein Recht habe zu verdienen, dann ist in jedem Falle Aufmerksamkeit geboten, vielleicht sogar Vorsicht.

Ob damit nun gute Zeiten für Short Seller anbrechen, muss sich allerdings noch zeigen. Worauf Elon Musk seine Einsicht stützt, kann ebenfalls nur Gegenstand von Spekulation sein: Meint er vielleicht, dass es Teil von Teslas Equity Story ist, Bedarf als Nachfrage und Nachfrage als Absatz zu verkaufen? Betrachtet er selbst Tesla als Boutique? Sieht er keine hinreichenden Economies of Scale? Berücksichtigt er, dass Manufakturen keine Industrien sind? Vermutet er, Tesla sei eine Konkurrenz zum Bentley, nicht aber zum Golf?

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