26.07.2017  Kartellverdacht gegen VW, Daimler, BMW, Audi, Porsche

"5er Runde" sprach Abgasreinigung schon früher ab als bisher bekannt

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Dieselfahrzeug mit AdBlue-Tank neben Diesel-Tankstutzen: Bis vor wenigen Jahren war das AdBlue-Nachfüllen meist komplizierter
imago/Sven Simon
Dieselfahrzeug mit AdBlue-Tank neben Diesel-Tankstutzen: Bis vor wenigen Jahren war das AdBlue-Nachfüllen meist komplizierter

Es sind harte Vorwürfe, die der "Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe gegen Deutschlands Vorzeigebranche erhebt: Jahrzehntelang sollen sich VW, Audi, Porsche, Daimler und BMW über die Fahrzeugentwicklung abgesprochen und so ein illegales Kartell gebildet haben. Die EU-Kommission bestätigte bereits, dass sie dem Verdacht solcher Absprachen nachgeht.

Eine der spektakulärsten mutmaßlichen Absprachen betrifft die Abgasreinigung mithilfe des Harnstoff-Wasser-Gemischs AdBlue. Laut "Spiegel" sollen sich Vertreter der fünf Hersteller im Jahr 2006 zu unterschiedlichen AdBlue-Tankgrößen ausgetauscht und im September 2008 auf die Einführung eines einheitlich großen Acht-Liter-Tanks in Europa geeinigt haben. Damit wurde auch der Grundstein für den späteren Abgasskandal - also die Manipulationen an der Software für die Abgasreinigung - gelegt.

Recherchen von manager-magazin.de deuten darauf hin, dass sich die Hersteller möglicherweise noch deutlich früher über ihre Strategie bei dem Abgasreinigungssystem abgesprochen haben. Bereits kurz nach der serienmäßigen Einführung des Dieselpartikelfilters bei Peugeot-Modellen im Jahr 2000 sollen sich die fünf Hersteller darauf verständigt haben, dass sie Pkw-Kunden die Nachfüllung von AdBlue nicht zumuten wollen. Das berichtet eine mit den Vorgängen vertraute Person gegenüber manager-magazin.de.

Dazu haben sich laut dem Informanten Ingenieure der fünf Autohersteller in Arbeitskreisen mehrfach getroffen, möglicherweise auch im "Abgaszentrum der Automobilindustrie" (ADA). Das Zentrum wurde von Audi, BMW, Daimler, VW und Porsche im Jahr 1996 ins Leben gerufen. Sein Ziel ist die "vorwettbewerbliche Zusammenarbeit" auf dem Gebiet der Pkw-Abgasnachbehandlung, wie es auf der Homepage des ADA heißt.

Nachfüllen von AdBlue sollte Fall für die Werkstatt sein

Bereits Anfang des vorigen Jahrzehnts sollen die Vertreter bei den Treffen vereinbart haben, dass sie künftig neben Dieselpartikelfiltern auch Stickoxid-Abgasreinigungssysteme einbauen wollen, die mit Harnstoff-Wasser-Einspritzung (AdBlue) arbeiten. Die Unternehmensvertreter einigten sich dabei offenbar darauf, dass die AdBlue-Flüssigkeit in ihren Fahrzeugen möglichst nicht von den Pkw-Fahrern selbst nachgefüllt werden soll, sondern von Automechanikern im Rahmen der vorgeschriebenen Wartung.

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Weniger als ein halbes Jahr soll die Diskussion darüber gedauert haben, berichtete der Informant gegenüber manager-magazin.de, dann sei das beschlossene Sache gewesen. manager-magazin.de konfrontierte VW, BMW und Daimler mit den Vorwürfen. "Spekulationen kommentieren wir grundsätzlich nicht", heißt es dazu von Daimler. Ähnlich äußert sich Volkswagen: "Spekulationen im Rahmen der laufenden Berichterstattung kommentieren wir nicht", erklären die Wolfsburger.

BMW verweist aufseine Pressemitteilung vom 23.07.2017. Darin hatte der Autohersteller unter anderem erklärt, für AdBlue eine "einfache Nachfülllösung" über Tankklappe oder Motorhaube anzubieten. Zudem werden Kunden "rechtzeitig und mehrfach" auf einen niedrigen AdBlue-Füllstand hingewiesen.

AdBlue, ein Harnstoff-Wasser-Gemisch, wird in das Abgasreinigungssystem von Diesel-Fahrzeugen zur Reduzierung des Stickoxid-Ausstoßes eingespritzt. Die Flüssigkeit ist jedoch nicht nur klebrig und damit mühsam zu handhaben. Bei überfülltem Tank kann sie auch zu unangenehmen Gerüchen im Fahrzeug führen - und genau das wollten die Hersteller von Anfang an offenbar ihren Kunden nicht zumuten.

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