19.07.2017  Dieselgate trifft Daimler mit voller Wucht

Der Offenbarungseid des Dieter Zetsche

Ein Kommentar von
Daimler-Chef Dieter Zetsche
REUTERS
Daimler-Chef Dieter Zetsche

Dieter Zetsche hat vor etwa anderthalb Jahren ein Tabu gebrochen. Normalerweise kritisiere man einen Wettbewerber nicht, leitete der Daimler-Chef seine Attacke auf Volkswagen ein. "Bei der VW-Affäre bleibt uns leider nichts anderes übrig."

Scharf ging Zetsche die Wolfsburger dafür an, dass sie millionenfach Diesel-Motoren manipuliert hatten und niemand den Betrug meldete.

Bei Daimler , tönte Zetsche damals, sei so etwas undenkbar. "Ich bin nämlich sehr zuversichtlich, dass wenn bei uns jemand auf eine so Idee käme, würde diese Person sehr schnell auf andere Personen treffen, die sagen würden, 'So was wollen wir nicht tun, so was tun wir auch nicht'." Das Verhalten bei Volkswagen, so Zetsche wütend, habe Auswirkungen auf die ganze Autobranche.

Einige Zeit ging die Strategie, sich so vom bösen Volkswagen-Konzern abzugrenzen, gut. Nun wendet sich auch für die ach so rechtschaffenen Stuttgarter endgültig das Blatt. Was Zetsche befürchtet hat, tritt nun ein: Der Diesel-Skandal hat Daimler inzwischen voll miterfasst. Allerdings nicht, weil Volkswagen die sauberen Stuttgarter irgendwie zu Unrecht mit in den Dreck zieht.

Vielmehr wird nun öffentlich, dass Zetsche seinen Konzern dort höchstpersönlich hineinmanövriert hat. Das wurde gestern endgültig klar: Der Autobauer verkündete, er werde drei Millionen Fahrzeuge wegen unzureichender Diesel-Abgasreinigung in die Werkstätten zurückrufen. Zu groß wurde offenbar der Druck von Politikern, Juristen und Umweltschützern.

Zetsches Überheblichkeit fällt ihm nun auf die Füße

Für Zetsche ist der Rückruf ein Offenbarungseid. Er gesteht ein, dass die Abgas-Tricksereien seines Konzerns so nicht haltbar sind. Dass die Presse-Abteilung des Konzerns von einem "umfassenden Zukunftsplan für Diesel-Antriebe" schwadroniert, verschlimmert die Sache nur.

Denn ohnehin ist jedem in Auto-Deutschland nun endgültig klar: Die Mercedes-Dieselmotoren sind genauso schlecht konstruiert wie die von Volkswagen. Ob sich die Ingenieure und Manager ebenfalls gegen den Gesetzgeber, Kunden und Bevölkerung verschworen haben oder einfach nur versagten, muss nach der Razzia vom Mai juristisch geklärt werden.

Zetsches Überheblichkeit zu Beginn der Abgasaffäre fällt ihm jetzt so oder so auf die Füße. "Wir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben und haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen", proklamierte Zetsche in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im Herbst 2015.

Diese Worte grenzen aus heutiger Sicht an kommunikativen Betrug. Schon wenige Monate später wurde bekannt, welches dreiste Vorgehen Daimler als legal einstuft: Bei "bemerkenswert niedrigen" Temperaturen wie unter zehn Grad plus (!) stellt die Abgasreinigung die Arbeit weitgehend ein.

Zetsche selbst nimmt für sich in Anspruch, genau zu wissen, was in seinem Unternehmen passiert. Er sei in jedes Entwicklungsprojekt eingebunden. Für den Diesel-Skandal im eigenen Haus trägt der Daimler-Chef somit die volle Verantwortung. Und dafür, dass die Marke mit dem Stern nun einen dicken, schmutzigen Fleck auf der Motorhaube hat.

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