16.06.2017  Volksrepublik als Elektroauto-Macht

"Wertschöpfung könnte im großen Stil nach China abwandern"

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Autofabrik in Guangzhou
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Autofabrik in Guangzhou

manager-magazin.de: Herr Bernhart, China ist aus Ihrer Sicht jetzt die Nummer eins in Sachen Elektroautos - ist die Volksrepublik jetzt uneinholbar?

Wolfgang Bernhart: Das nicht. Aber der dortige Elektroauto-Markt wächst so stark, dass China in Sachen Absatz auch in Zukunft dominieren wird. Führend ist China auch bei der Produktion von Fahrzeugen und Batteriezellen sowie in Sachen Forschung. Nur ein politischer Kurswechsel in Peking könnte daran etwas ändern - doch der ist nicht in Sicht.

mm.de: Die Regierung hat aggressive Ziele für Elektroautos vorgegeben. Warum ist Chinas Führung so versessen darauf, in dieser Technologie führend zu sein?

Zur Person

Bernhart: Die hohe Luftverschmutzung zwingt Städte zum Umdenken. Und der Automarkt in China wächst weiter rasant. Wenn die Menschen weiter Fahrzeuge mit konventionellen Antrieben kaufen, würden auch die Ölimporte stark steigen. Das will die Führung vermeiden. Rohstoffe für Elektroautos gibt es hingegen in China in großen Mengen.

mm.de: Droht ein Handelskrieg um Materialien wie Lithium, Kobalt oder Seltene Erden, die für Elektromotoren und Batterien benötigt werden?

Bernhart: China wird versuchen, Auseinandersetzungen zu vermeiden. Dennoch können diese eines Tages aufkommen. Denn es besteht das Risiko, dass wegen der Rohstoffe Wertschöpfung im großen Stil aus dem Westen nach China abwandert. In einer solchen Lage haben Unternehmen aus anderen Länder Schwierigkeiten zu konkurrieren. Zum Thema werden könnten beispielsweise die sozialen und ökologischen Bedingungen, unter denen Metalle abgebaut und chemische Batterie-Vorprodukte hergestellt werden.

mm.de: Wie stehen die Chancen, dass chinesische Hersteller durch einen Elektroauto-Boom globale Bedeutung erlangen?

Bernhart: Bei konventionellen Fahrzeugen ist der Vorsprung westlicher Hersteller nicht einzuholen - trotz aller Joint Ventures. Bei den noch wenig verbreiteten Elektroautos ist es chinesischen Unternehmen eher möglich, die Märkte zu erobern.

mm.de: Können etablierte Hersteller aus dem Westen bei Elektroautos überhaupt etwas gegen China ausrichten angesichts der massiven staatlichen Unterstützung? Was müssen sie tun?

Bernhart: Sie müssen in höchstmöglichem Maße am Boom in China teilhaben, dort attraktive Fahrzeuge anbieten und so Skaleneffekte bei Elektroautos realisieren. Den technologischen Vorsprung dürfen sie nicht verspielen. In dem Bereich ist China auf absehbare Zeit nicht vorn. Derzeit liegen Deutschland und Frankreich Kopf an Kopf vorn, und das kann auch so bleiben.

mm.de: Worin kann ein solcher technischer Vorsprung bestehen?

Bernhart: Zum Beispiele bei den Betriebsstrategien von E-Fahrzeugen und den Batteriemanagementsystemen. Hochwertige Systeme haben einen um 5 bis 10 Prozent größeren Bereich der nutzbaren Energie. Zudem lässt sich der Innenraum eines Elektroautos intelligent ausnutzen. Europäische Hersteller verstehen sich auch darauf, Kundenbedürfnisse verschiedener Art zu befriedigen - das kann auch in einer Elektroauto-Welt so bleiben. Letztlich geht es darum, High-Tech einem breiten Kundenspektrum zugänglich zu machen.

mm.de: Braucht Europa Batteriezellfabriken?

Bernhart: Samsung und LG Chem bauen ja derartige Produktionen bereits auf. Tesla will in diesem Jahr einen Standort benennen. Ich denke, in den kommenden Jahren werden weitere Unternehmen in Europa Batteriezellfabriken bauen.

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