23.11.2018 
Totgesagte Branche im Aufwind

Wie die Plattenfirmen wieder Macht bekommen

Von
REUTERS

Taylor Swift ist jetzt nicht mehr unabhängig. Die Popsängerin steht künftig bei Universal Music unter Vertrag, neben Sony und Warner einem der verbliebenen "Big Three" der Musikindustrie. Die schon längst als frühes Opfer der Digitalisierung totgesagten Plattenfirmen zeigen, dass selbst globale Superstars auch 2018 nicht an ihnen vorbeikommen.

Allerdings lieferten sich diese Majorlabels einen heftigen Bieterkampf um die einzige aktuelle Künstlerin, die zuverlässig für hohe Musikabsätze sorgt. Swifts jüngstes Album "Reputation" verkaufte sich in der ersten Woche im vergangenen November zwei Millionen Mal, mehr als der Rest der Top 200 der US-Charts zusammen. In den vergangenen zehn Jahren hat sie solche Millionenabsätze schon viermal geschafft, andere Künstler nur zweimal.

Taylor Swift ist ein kommerzielles Phänomen - und galt bislang als Symbol dafür, dass der Starfaktor in der digitalen Ära die Vertriebsmacht großer Konzerne schlagen kann. Mit den Streamingdiensten Spotify und Apple hat sie sich in den Vorjahren bereits erfolgreich angelegt - und sogar eine Bezahlung der Musiker für gratis an die Kunden abgegebene Musik durchgesetzt.

Auch diesmal machte sich Swift zur Urheberlobby. Als "Vertragsbedingung, die mir mehr bedeutete, als alle anderen" nennt sie die Pflicht von Universal, Erlöse aus einem Verkauf von deren 3,5-Prozent-Anteil an Spotify an die Künstler auszuschütten.

Taylor Swift hat sich teuer verkauft - laut "Financial Times" bietet Universal zusätzlich 300 Millionen Dollar, um das Independent-Label Big Machine Records aus Nashville zu kaufen und damit die Rechte an Swifts bisherigem Werk zu übernehmen.

Aber verkauft hat sie sich. Und könnte damit dem Magazin "Gentleman's Quarterly" Recht geben, das behauptet, die Majorlabels gewännen wieder an Einfluss. GQ porträtiert Universal-Chef Lucian Grainge und dessen Kollegen von Sony Music, Rob Stringer, sowie Warner Musics Plattensparte, Max Lousada - alle drei Briten und alle drei in der Sparte A&R (Artists & Recording) groß geworden, damit künstlernäher als etwa Vertriebsleute.

Interessant an den Porträts ist, was sie über den Führungsstil sagen. Alle drei zeigen sich als aggressive, ambitionierte Deal-Jäger - und zeigen zugleich Demut und Bescheidenheit angesichts der Erfahrung, dass das jahrzehntelang gehegte Selbstbild der Branche als allmächtig zusammenbrach.

Schließlich waren die "Big Three" einmal "Big Six". Auf dem Höhepunkt des CD-Geschäfts verkauften sie Tonträger für mehr als 25 Milliarden Dollar - von diesem Markt ist nur noch ein Fünftel übrig. Die neuen Bosse der Musikindustrie seien "keine Patriarchen mehr, sondern Partner", schreibt "GQ". Die Majorlabels navigieren zwischen den Superstars auf der einen und der Vertriebsmacht der Streaming-Dienste auf der anderen Seite - es ist zu beiden Seiten eine gegenseitige Abhängigkeit.

"Wir geben nicht mehr den Ton an", sagt beispielsweise Sony-Mann Stringer. Wer dann? "Niemand."

Doch das ist ein Understatement. Ohne die Majors geht auch nichts, wie nicht nur der Fall Taylor Swift zeigt. Das dezentrale Geschäftsmodell des Berliner Startups Soundcloud, das eine Zeitlang wie die neue Macht im Musikmarkt aussah, musste schließlich doch Deals mit den Großen weichen - und war dann immer noch zu unkommerziell. Ob das Streaming in neuen Märkten angeboten wird, wie zuletzt im Nahen Osten (in Indien beispielsweise noch nicht), hängt auch vom Wohlwollen der Rechteinhaber ab. Spotify muss die Mehrzahl seiner Einnahmen an sie abführen, also an die Majors.

Dank der Einnahmen aus dem Streaming ist deren jahrelanger Niedergang gestoppt. Seit 2014 steigen die Umsätze der Labels wieder, wie der "Global Music Report" zeigt, inzwischen um mehr als 20 Prozent. 2017 war Streaming erstmals die wichtigste Einnahmenquelle - Tendenz schnell wachsend. Das macht zumindest einen Teil des verlorenen Tonträgermarkts wieder wett. Jetzt liegt die Branche gerade noch ein Drittel unter dem Niveau von ihrem Höhepunkt 1999.

Der französische Mutterkonzern Vivendi, der einen Teilverkauf von Universal anstrebt, darf laut Analysten auf eine Bewertung von 40 Milliarden Dollar hoffen - vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar. Zum Vergleich: Das mit seinem Börsengang in diesem Jahr als Zukunft des Musikgeschäfts gefeierte Spotify kommt aktuell noch auf einen Börsenwert von 24 Milliarden Dollar.

Spannend wird jetzt vor allem, ob weitere Anbieter wie Amazon, Google oder chinesische Internetkonzerne den Wettbewerb im Streaming aufmischen (und so die Marktmacht der Majors gegenüber dem Duopol Spotify/Apple stärken) - und, wie sich Spotify in seinen Verhandlungen um die Anfang 2019 anstehenden Vertragsverlängerungen mit Universal und Sony Music schlägt.

Wie "Music Business Worldwide" darstellt, haben die Majors auch als Anteilseigner ein Interesse daran, den Börsenwert von Spotify wieder zu steigern - aber zu gleich auch nicht zu viel von den eigenen Margen abzugeben.

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