29.06.2016  Trikothersteller Erreà - der Gewinner unter den EM-Ausrüstern

Diese italienische Familienfirma fährt Sonderschichten für Island

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Das Siegtor von einem Mann namens Sigthorsson - das blaue Trikot mit dem Namen des Mannes, der England aus der EM schoss, wäre für etliche Fußballfans in Europa jetzt das Objekt der Begierde.

Viel Glück damit. Denn nicht nur die Isländer sind als absolute Underdogs in dem Turnier angetreten, auch ihr Ausrüster Erreà ist neu auf der großen Bühne. Sportartikel-Marktführer Nike macht annähernd 500-mal so viel Umsatz wie die Familienfirma aus San Polo di Torrile, einem Vorort von Parma im norditalienischen Textilrevier.

Dort wird mit Hochdruck nachproduziert, wie Erreà-Marketingchefin Rosa Sembronio dem Sport-Informationsdienst sagte. Die Island-Trikots sind ausverkauft, in allen Farben und Größen.

"Nach unserer Schätzung wurden nicht mehr als 20.000 überhaupt produziert", sagt Sportmarketing-Berater Peter Rohlmann. Und die seien allein schon durch die Präsenz der isländischen Fans in den französischen Stadien oder den heimischen Public-Viewing-Plätzen alle zu sehen. Jetzt könnte Erreà ein Vielfaches verkaufen, weil die Island-Begeisterung weit über den kleinen Heimatmarkt hinausreicht.

"Aber in der Stückzahl nachzuliefern ist quasi unmöglich, selbst wenn sie in Tag- und Nachtschicht produzieren." Dieses Problem hätten selbst die Top-Hersteller in ähnlicher Situation. Rohlmann erinnert an die EM 2004, als Adidas den Bedarf an Hemden des unerwarteten Europameisters Griechenland nicht erfüllen konnte und stattdessen einfache T-Shirts nachdruckte.

Plötzlich auf Augenhöhe mit Puma

Erreà dürfte erst recht Kapazitätsprobleme bekommen, selbst wenn die branchenüblichen langen Lieferwege aus Fernost nicht nötig sein sollten. Laut Homepage ist die Firma "stolz darauf, dass alle Produkte noch bei uns im Unternehmen konzipiert, entwickelt und hergestellt werden". Sembronio sieht das als Vorteil, um "flexibel auf die stark wachsende Nachfrage zu reagieren".

Der große Gewinner im Sponsoren-Wettbewerb ist Erreà aber auch ohne den ganz großen Trikotabsatz. Schon die bisherige weltweite TV-Präsenz bedeutet einen zweistelligen Millionenbetrag als Werbeäquivalenzwert, und jetzt kommt mindestens noch das Viertelfinale hinzu. Plötzlich ist der Kleinbetrieb mit 600 Beschäftigten und 60 Millionen Euro Umsatz auf Augenhöhe mit Italien-Sponsor Puma , als letzter Herausforderer der Marktführer Adidas und Nike mit noch jeweils drei Teams.

Island ist die einzige von Erreà ausgerüstete Nationalmannschaft, die es jemals in einen großen Fußball-Wettbewerb geschafft hat. Auch auf Vereinsebene hat das Unternehmen abseits von Rugby und Volleyball wenig hochkarätige Deals vorzuweisen.

In der Serie A ist Erreà mit Atalanta Bergamo und künftig dem Aufsteiger Delfino Pescara vertreten, vereinzelte Erstligisten mit der Doppelraute auf der Brust finden sich auch in Polen, Portugal und den Niederlanden - aus der englischen Premier League hat sich Norwich City gerade wieder verabschiedet.

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