24.11.2017 
Rapunzel

Bio? Logisch!

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Rapunzel-Gründer Joseph Wilhelm: "Wir waren deshalb so erfolgreich, weil ich keinen Businessplan hatte."
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Rapunzel-Gründer Joseph Wilhelm: "Wir waren deshalb so erfolgreich, weil ich keinen Businessplan hatte."

Der Unternehmensgründer Joseph Wilhelm beackerte ein Feld, das er gar nicht kannte. Heute finanziert er das Wachstum des Allgäuer Herstellers von Bioprodukten aus dem Cashflow.

Früher hätte man dazu Kommune gesagt. Mit drei Frauen, zwei Kindern und ein paar Mitarbeitern lebt Joseph Wilhelm (63) auf einem Bauernhof in Oberhofen im Allgäu. Er spricht lieber von Restlebensgemeinschaft. Klingt gleich viel seriöser, zumal für einen Unternehmer wie ihn. Wilhelm ist Gründer und Chef der Rapunzel Naturkost GmbH, einem der führenden Hersteller von Bioprodukten in Europa.

Dabei hätte Wilhelm früher durchaus in eine Kommune gepasst, damals Ende der 60er Jahre. Lange Mähne, wilde Ehe, Revoluzzerimage. Er war indes nie einer dieser theoretischen Weltverbesserer, sondern stets erdverbunden und immer sehr praktisch veranlagt, beim Denken wie beim Handeln. Schließlich stammt er von Bauern ab.

Erst Bulli, dann Müsli
Der Entrepreneur
Joseph Wilhelm ist Sohn eines Allgäuer Landwirts. Nach dem Abitur fuhr er erst einmal mit dem VW Bulli zwei Jahre lang quer durch Europa. Mit 20 gründete er dann Rapunzel, zusammen mit seiner damaligen Frau. Bis dato hatte er lediglich ein paar Kurse in biologisch-dynamischer Landwirtschaft absolviert. Heute gilt Wilhelm als einer der ­geachteten Pioniere in der deutschen Biokostszene.
Das Unternehmen
Die 1974 gegründete Rapunzel Naturkost GmbH ist mit einem Sortiment von rund 600 Produkten einer der führenden Hersteller von Biowaren in Europa. Der Umsatz betrug 2016 rund 185 Millionen Euro. Am Stammsitz in Legau im Allgäu arbeiten mehr als 300 Beschäftigte. ­Außerdem hat Rapunzel noch einen Standort in der Nähe von Izmir (Türkei), wo 100 Mitarbeiter und 550 Bauern für die Firma tätig sind.

So tat er 1974 etwas ganz Konterrevolutionäres: Er gründete das Unternehmen Rapunzel, zusammen mit Jennifer Vermeulen. Seine "Urfrau" nennt er sie heute. Mit einem Startkapital von 3000 D-Mark mieteten sie einen Bauernhof und bauten Biolebensmittel an. Wilhelms Feldsalat heißt in dieser Gegend nur Rapunzelsalat. Deshalb - und wegen der grimmschen Märchengestalt - wurde auch die Firma Rapunzel getauft.

Die ersten Produkte, Müslis, Nussmuse und Fruchtschnitten, verkauften Vermeulen und Wilhelm in der Augsburger Katharinengasse in ihrem eigenen Naturkostladen. So hießen damals die Biogeschäfte.

Heute sitzt der Chef in einem geräumigen Büro in der Rapunzelstraße 1 in Legau, rund 20 Autominuten südlich von Memmingen. Buntes T-Shirt unter dem Sakko, der Schädel ist glatt rasiert.

Er habe sich damals völlig "sorglos in das Abenteuer Biobewegung gestürzt", erzählt er. Aber vielleicht war genau dieses unprofessionelle Vorgehen der Schlüssel zum Erfolg. So sieht er das jedenfalls heute: "Wir waren deshalb so erfolgreich, weil ich keinen Businessplan hatte."

Er ließ sich treiben, von einem wachsenden Markt, von der zunehmenden Nachfrage. Bereits 1977 wurden seine Bioprodukte bundesweit verkauft. 1987 brachte er die erste Bioschokolade auf den Markt, weltweit. Und kurz danach folgte Samba, ein Nuss-Nugat-Aufstrich, der als gesunde Alternative zur industriell gefertigten Nutella aus dem Hause Ferrero positioniert wurde. Samba wurde das Erfolgsprodukt im stetig wachsenden Sortiment.

Heute hat Rapunzel rund 600 Produkte im Programm, sie werden in mehr als 30 Ländern verkauft. Natürlich nur in Biogeschäften. Zwar entdecken auch die Supermärkte und Discounter immer mehr das Biosegment. Aber eine Belieferung der großen Handelskonzerne schließt Wilhelm aus: "Die Marke Rapunzel wird es sicher niemals bei Aldi oder Lidl geben, unsere Wertesysteme passen nicht zusammen."

Man merkt, dass an der Spitze des Unternehmens ein Alt-68er an der Spitze steht, der das Antiautoritäre zumindest in dosierter Form pflegt und das Unternehmen auch so führt. Das fängt bereits bei Äußerlichkeiten an: Bei Rapunzel duzt jeder jeden.

Am Erfolg sind die Mitarbeiter selbstverständlich beteiligt. 7,5 Prozent des Gewinns werden ausgeschüttet - jeder bekommt das Gleiche. Vergangenes Jahr waren das immerhin 6000 Euro pro Kopf.

Damit möglichst viele Mitarbeiter in die Entscheidungsprozesse eingebunden sind, hat Wilhelm eine extrem breite Führungsstruktur installiert. Allein 8 Abteilungsleiter und 30 Teamleiter gibt es - und das bei lediglich 320 Beschäftigten. Das sei aufwendiger, räumt Wilhelm ein, aber die Basis des Erfolges. So kann er alle mitnehmen.

Das Unternehmen erwirtschaftet gute Gewinne. Kredite brauche er nicht, sagt Wilhelm. "Wir sind von Banken unabhängig." Cashew (und andere Vorprodukte) finanziert er aus dem Cashflow.

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