08.11.2018 
Entrepreneure des Jahres (4) - Andechser Molkerei

Erste Sahne - trotz skeptischer Bauern und neidischer Mönche

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Ökopionierin: Barbara Scheitz sicherte sich früh die Biomilch von Kühen aus dem Umkreis
Janek Stroisch für manager magazin
Ökopionierin: Barbara Scheitz sicherte sich früh die Biomilch von Kühen aus dem Umkreis

Barbara Scheitz hat mit ihren Milchprodukten eine herausragende Biomarke geschaffen - Andechser Natur. Dabei musste sie sich gegen skeptische Bauern und neidische Mönche durchsetzen. Scheitz gewinnt den Preis Entrepreneur des Jahres 2018 der Sparte "Konsumgüter/Handel".

Seit 22 Jahren wird von der Beratungsgesellschaft EY (früher Ernst & Young) der Wettbewerb "Entrepreneur des Jahres"veranstaltet. manager magazin ist Partner des Wettbewerbs, bei dem wachstumsstarke und innovative Unternehmen in folgenden fünf Kategorien gekürt werden: Industrie, Konsumgüter/Handel, Dienstleistung, Digitale Transformation und Junge Unternehmen.

Die fünf Sieger werden von einer renommierten Jury (darunter Unternehmer Patrick Adenauer und Bertelsmann-Gesellschafterin Brigitte Mohn) ausgewählt. Außerdem bestimmt die Jury zwei Ehrenpreisträger. Zum einen wird ein erfolgreiches Familienunternehmen geehrt, zum anderen ein Unternehmen für außergewöhnliches soziales Engagement. Die Preise wurden bei einer Gala im Deutschen Historischen Museum in Berlin überreicht. Aus den fünf Kategoriesiegern wird ein Primus inter pares ausgewählt, der Deutschland bei der Wahl zum "World Entrepreneur of the Year" vertritt. Dieses Event, bei dem sich über 50 Landessieger präsentieren, findet im Frühjahr in Monte Carlo statt. Mehr Infos zum Wettbewerb finden Sie hier.

Idyllisch zwischen Ammersee und Starnberger See gelegen, schmiegt sich das Städtchen Andechs ins hügelige Alpenvorland. Alles ist so sauber, so ruhig, so friedlich. Doch der Eindruck täuscht. Unter dem häufig weiß-blauen Himmel gärt es. Die zwei wichtigsten Unternehmen von Andechs - die Brauerei und die Molkerei -, sie mögen sich nicht.

Die Mönche des Andechser Klosters, die das berühmte Bier brauen, wollten der Molkerei die Verwendung des Begriffs "Andechser Natur" verbieten. Barbara Scheitz (53), Chefin und Inhaberin der Andechser Molkerei, hielt dagegen und klagte. Am Schluss landete die Causa Andechs vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), der Scheitz recht gab.

Die Milch macht's
Die Entrepreneurin
Barbara Scheitz (53) lernte das Molkereihandwerk im elterlichen Betrieb in Andechs. Danach studierte sie Betriebswirtschaft an der Uni Augsburg. Nach Stationen bei Molkereien in Norddeutschland und Frankreich übernahm sie 2003 die Geschäftsführung der Andechser Molkerei Scheitz GmbH.
Das Unternehmen
Ihr Urgroßvater Georg Floßmann startete bereits 1908 mit einer Käserei in Andechs. Nun leitet in vierter Generation Barbara Scheitz die Molkerei Andechs. Mit einer jährlich verarbeiteten Milchmenge von 120 Millionen Kilogramm gilt das Unternehmen als größte Biomolkerei Europas. Unter dem Label ­„Andechser Natur“ werden in Bio­läden, aber auch bei den großen ­Lebensmittelfilialisten rund 250 Bioprodukte angeboten – vom Umsatz­renner Joghurt bis zum Bergblumenkäse. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die 175 Mit­arbeiter einen Umsatz von etwas mehr als 150 Millionen Euro.

Und da ist noch eine Andechser Posse: Beim Neubau ihres Hochregallagers und Verwaltungsgebäudes wollte Scheitz einen Turm bauen. Er sollte 36 Meter hoch werden. Prompt meldete sich die Kirche. Denn der Andechser Kirchturm ist genauso hoch. Ein weltliches Gebäude könne doch ein kirchliches nicht überragen, argumentierten die frommen Herren. Die Katholikin Scheitz gab klein bei und baute nicht so hoch hinaus.

Aber auch so genießen sie und ihre Mitarbeiter einen weiten Blick, selbst das Hochregallager können sie von oben beschauen. Schön ist's und sehr irdisch. Die Räume, die vom Bürokorridor abgehen, tragen Namen wie "Kefir" oder "Sahnepudding".

Barbara Scheitz sitzt im Konferenzraum "Holunderblüte". Über die Streitereien mit den Mönchen verliert sie kein Wort. Sie will viel lieber über ihr Unternehmen - die Andechser Molkerei Scheitz GmbH - und dessen Erfolge reden.

Scheitz wirft Folien an die Wand, darauf viele Zahlen. Die wichtigste ist die 100. Alle der rund 250 Milch- und Käseprodukte aus ihrem Hause sind 100 Prozent bio. Keine künstlichen Zusatzstoffe, keine Aromen und, logo, kein Körnchen Genfutter für die Kühe. Im "Andechser Bio-Standard" schreibt die Chefin ihren Bauern vor, welche Futtermittel sie kaufen dürfen und müssen.

Knapp 650 Bauern im Umkreis von 160 Kilometern liefern inzwischen ihre Biomilch in der Andechser Biomilchstraße 1 ab - so lautet die Firmenadresse. Und bekommen dafür mehr Geld als für die konventionelle Milch.

Wie viele Cent pro Liter das genau sind, wird zwischen den Bauern und der Molkerei ausgehandelt. Alle zwei Monate treffen sich deshalb zwölf Milchbauern - demokratisch legitimiert, weil von den anderen gewählt - und das Management zu den Preisgesprächen. Um 10 Uhr gehen die in der Regel los, und dann wird oft stundenlang um Cents gerungen. "Wenn es schnell geht, sind wir in vier Stunden fertig", sagt Barbara Scheitz.

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