08.11.2018 
Entrepreneure des Jahres (4) - Andechser Molkerei

Erste Sahne - trotz skeptischer Bauern und neidischer Mönche

Von
Ökopionierin: Barbara Scheitz sicherte sich früh die Biomilch von Kühen aus dem Umkreis
Janek Stroisch für manager magazin
Ökopionierin: Barbara Scheitz sicherte sich früh die Biomilch von Kühen aus dem Umkreis

2. Teil: In großem Stil

Oberstes Prinzip dabei: Offenheit. Beide Parteien legen ihre Zahlen auf den Tisch. Barbara Scheitz sagt: "Die Bauern bekommen von uns genaue Zahlen zum Rohmilcheinsatz und zur Produktion."

Die Unternehmerin spricht die Sprache der Bauern. Schon als Teenager half sie beim Einpacken der Butter, und nach der Schule lernte sie das Molkereihandwerk im elterlichen Betrieb. Sie hat zwar zwei Geschwister - Georg (50) und Gabi (45) -, doch beide wollten nicht ihrem Vater Georg (79) nachfolgen. Georg fühlt sich als Ziegenbauer wohler, Gabi in ihrem kleinen Käseladen. Darum wurde schon früh im Familienrat beschlossen, dass Barbara, die Älteste, das Unternehmen führen soll.

Die bereitete sich mit einem BWL-Studium in Augsburg vor und arbeitete anschließend bei Molkereien in Norddeutschland und Frankreich.

Seit 2003 ist Barbara Scheitz die Chefin. Ihr Vater hat schon seit 1980 Biomilch verkauft, sie hat daraus konsequent ein immer größeres Geschäft gemacht.

2005 haben auf ihren Wunsch die ersten Milchbauern auf gentechnikfreie Fütterung ihrer Kühe umgestellt, ab 2009 dann alle. In unzähligen Veranstaltungen predigte Scheitz über die Vorteile von Bio. Mittlerweile gibt es eine Warteliste von Biobauern, die die Andechser Molkerei beliefern wollen.

Das Geschäft wächst und gedeiht. 2017 machte das Unternehmen über 150 Millionen Euro Umsatz und gilt damit als Europas größte Biomolkerei. Scheitz und ihr Team wollen weiterwachsen, durch neue Produkte, neue Märkte im In- und Ausland. Potenzial ist genug da. Magere 3 Prozent des deutschen Milchmarktes sind Bioprodukte.

Diese kosten - und da machen die Andechser Produkte keine Ausnahme - halt mehr als konventioneller Joghurt, Quark & Co. "Unser Joghurt ist 15 bis 20 Prozent teurer als der konventionelle", räumt Scheitz ein. Weil die Biomilch mehr kostet und weil der Joghurt länger reift. Oft sind es nur sechs Stunden; in den Silos der Andechser Molkerei bekommen Joghurts das Dreifache an Reifezeit.

Sparte Konsumgüter/Handel: Ausgewählte Finalisten
Michael Pietsch
Wenn Handwerker bis 19 Uhr bei ihm bestellen, haben sie die Ware am nächsten Morgen um 6 Uhr auf der Baustelle. „Partner des Handwerks“ nennt sich deshalb Michael Pietsch (56). Vor allem dank dieses Services ist die Dr. Pietsch Holding (Umsatz: 270 Millionen Euro) zu einem der führenden deutschen Sanitärgroßhändler geworden. Michael Pietsch führt das Unternehmen seit Mitte der 90er Jahre in dritter Generation.
Christian Gries
Seinen Namen kennt man nicht, aber den seiner Filialkette: Über 500 Depot-Geschäfte befinden sich in den Innenstädten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Das Verkaufsmotto von Christian Gries (47): „Wir möchten bezahlbare Design- und Dekoartikel für ein breites Publikum anbieten.“ Mit diesen ­Accessoires machte die Gries Deco Company GmbH 2017 rund 450 Millionen Euro Umsatz.
Isabel Bonacker, Martin Grablowitz
Anti-Aging-Cremes ­gehören zum Geschäft. Als Isabel Bonacker (51) und ihr Cousin Martin Grablowitz (52) 2014 die Führung beim Aachener Luxuskosmetikhersteller Babor übernahmen, war eine Verjüngungskur dringend not­wendig. Die Therapie scheint an­geschlagen zu haben. Der Umsatz liegt über 100 Millionen Euro. Und die Flagship-Stores in Hamburg und Berlin wirken frisch.

Joghurts sind nach wie vor der Umsatzrenner bei Andechs. Doch inzwischen umfasst das Sortiment etliche Produkte, die in ein Frische- und ein Käsesegment unterteilt sind. Der Käse wird von Partnern in der Region hergestellt, die allerdings die Rohstoffe von Andechs geliefert bekommen.

Die Frischeprodukte stammen ausschließlich aus Andechs. Dort wird in drei Schichten sieben Tage die Woche gearbeitet.

Barbara Scheitz machte aus einer regionalen eine bundesweite Marke. Sie beliefert nunmehr nicht allein die üblichen Biomärkte - von Alnatura über Bio Company bis LPG -, sondern auch die großen Lebensmittelfilialisten wie Edeka oder Rewe. "Nur bei den harten Discountern sind wir nicht in den Regalen", sagt Barbara Scheitz. Eine Belieferung beispielsweise von Aldi passe einfach nicht zum Wertekanon der Ökos aus Andechs. Und als Biopionierin versteht sich Barbara Scheitz schon. Gerade liest sie die Klassiker von Al Gore ("Eine unbequeme Wahrheit") und Frederic Vester ("Die Kunst vernetzt zu denken").

Die Unternehmerin sitzt im Bio-Ökonomierat des bayerischen Landwirtschaftsministeriums. Dort erhebt sie ihre Stimme, auch wenn manches, was sie sagt, einigen nicht passt. So fordert sie zum Beispiel "eine konsequente Steuer auf agrochemische Substanzen" und überhaupt eine andere, viel nachhaltigere Landwirtschaftspolitik. Auch in der Forderung nach einem Glyphosat-Verbot liegt sie quer zur Staatsregierung in München. Immerhin: Bayerns Umweltminister Marcel Huber (60; CSU) ist ihr nicht gram, lobt sie sogar. Er sagte zu ihr: "Sie sind eine Bilderbuchunternehmerin. Sie bringen Fortschritt und Tradition zusammen."

Bio bei Motel One

Wie alle guten Unternehmer interessiert Barbara Scheitz vor allem die Zukunft. Deshalb will sie den Exportanteil - derzeit 9 Prozent - erhöhen und vor allem den Verzehr außerhalb von Küche und Esszimmer forcieren. "Den werden wir pushen", kündigt die Molkereichefin an. Ein Vorzeigeprojekt hat sie schon: Die Hotelkette Motel One bietet auf ihren Frühstücksbuffets inzwischen Joghurt von Andechser Natur an.

Vom Ehrgeiz der Chefin, weiterzuwachsen, künden auch die Fernsehspots, die seit diesem Jahr zu sehen sind. "Der Bekanntheitsgrad ist nach der ersten Kampagne enorm gestiegen", freut sich Irmgard Strobl, die Leiterin des Marketings.

Natürlich hilft dabei der Name Andechs, den viele Verbraucher auch mit dem berühmten Bier assoziieren. Wenn davon etwas auf die Produkte aus der Molkerei abfärbt, hat Barbara Scheitz nichts dagegen.

Überhaupt scheint sich das Verhältnis zwischen den Mönchen und den Molkereileuten zu entspannen. Immerhin trifft sich Barbara Scheitz schon mal mit den Brauern des Klosters.

"Bier und Käse - das würde doch hervorragend zusammenpassen", sagt Barbara Scheitz. Vielleicht machen die beiden Andechser Renommierfirmen doch einmal gemeinsame Sache, so Gott will.

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