29.03.2017 
Powell's City of Books in Portland

Wie Amerikas größte Buchhandlung Amazon trotzt

Von ,Portland
Powell's City of Books in Portland: Der Umsatz steigt - trotz Amazon
manager magazin online
Powell's City of Books in Portland: Der Umsatz steigt - trotz Amazon

Ein Buchladen, so groß wie ein ganzer Straßenblock: Willkommen bei "Powell's City of Books" in Portland, US-Bundesstaat Oregon. In dem Geschäft stehen gut 200.000 Bücher auf 6300 Quadratmetern, 200 Mitarbeiter versorgen bis zu 8000 Kunden am Tag. Der Eigenwerbung zufolge ist Powell's die größte unabhängige Buchhandlung der Welt.

Miriam Sontz, die CEO, führt durch die Gänge, eine kleine Frau mit Brille und kurzen grauen Haaren. Die Bücher sind hier "enzyklopädisch" geordnet, sagt Sontz. Unter "Charles Dickens" finden sich neue und gebrauchte Ausgaben von "Hard Times" und "Oliver Twist" genauso wie Sekundärliteratur dazu. Kleine Papierkärtchen am Regal, handgeschrieben von Mitarbeitern ("Eine beeindruckende Prosa!"), sollen die Aufmerksamkeit auf besondere Bücher lenken.

"Wir sind anders", sagt Sontz. Und deshalb wahrscheinlich noch am Leben.

Powell's, das fünf Filialen in Oregon betreibt, gilt über die USA hinaus aus Branchenphänomen. Das Familienunternehmen hat dem mächtigen Konkurrenten Amazon nicht nur die Stirn geboten, sondern seinen Umsatz trotz des Wettbewerbs aus dem Internet nach eigenen Angaben sogar auf über 50 Millionen US-Dollar im Jahr steigern können. Laut Sontz wuchs Powell's in den letzten fünf Jahren jeweils einstellig - gegen den Trend.

Wie Michael Powell Jeff Bezos abblitzen ließ

Beinahe wäre es anders gekommen. 1996 bat ein gewisser Jeff Bezos Sontz und ihren damaligen Boss, Miteigentürmer Michael Powell, um ein Treffen. Bezos, der mit seiner Website Amazon.com gerade erst ins Buchgeschäft eingestiegen war, wollte Powell's als Exklusivlieferanten für gebrauchte Bücher gewinnen.

Amazon verkaufte bis dahin nur neue Exemplare. Er rechnete vor, dass dank der Partnerschaft schon bald dreistellige Millionenumsätze möglich wären. Bezos war zu dieser Zeit erst zwei Jahre am Markt und wollte es mit "Barnes & Noble" aufnehmen, der größten Buchhandelskette des Landes. Powell's betrieb damals bereits einen Onlineshop und hatte viel Erfahrung mit dem Antiquariatsgeschäft.

Doch Sontz und Powell lehnten ab. Sie fürchteten, als namenloses Lagerhaus eines Start-ups zu enden, das ursprünglich unter der Domain relentless.com ("unerbittlich.com") online gehen wollte. Die Marke "Powell's" wäre für Amazon-Kunden nach dem Deal nicht sichtbar gewesen. "Bezos wollte uns konsumieren", sagt Sontz, "wir hätten unsere Unabhängigkeit verloren".

Es ist rückblickend schwer zu sagen, ob diese Entscheidung geschäftlich ein Fehler war. Powell's wäre als Partner von Bezos wohl deutlich schneller gewachsen.

Buchgeschäft ist emotional, persönlich - und nur begrenzt digitalisierbar

Sontz scheint das aber auch nicht so wichtig sein. Sie arbeitet seit 33 Jahren bei Powell's, der Laden ist ihr Leben. Für sie ist das Buchgeschäft emotional, persönlich - und nur begrenzt digitalisierbar. Sontz schwärmt von der Freude, ein Buch anzufassen, es zu riechen und darin zu blättern. Sie sagt: "Der Tsunami, der die Musikindustrie in die Knie zwang, ist deshalb an uns vorübergegangen. Wer streichelt schon eine CD?"

Sontz muss wahrscheinlich so reden, aber wer die vielen jungen Kunden in ihrem Laden sieht, wie sie durch die Gänge streifen, lesen und bezahlen, kann ihren Optimismus verstehen.

Bei Powell's gibt es ein Café zum Reden und Lesen, im Laden treten jährlich gut 300 Autoren auf. Das Geschäft gilt als die populärste Touristenattraktion der Stadt, die Einwohner sind stolz darauf. Was in Städten wie Los Angeles undenkbar wäre, gehört in der Hipster-Hochburg Portland zum alternativen Selbstverständnis.

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