10.10.2017  "Dann ist alles möglich"

Interview mit dem Wirtschafts-Nobelpreisträger Richard Thaler (, als er noch kein Wirtschafts-Nobelpreisträger war)

Von Henrik Müller
Richard Thaler - früher mal Berater Barack Obamas, seit 2017 Wirtschaftsnobelpreisträger.
EPA-EFE/REX/Shutterstock/UNIVERSITY OF CHICAGO
Richard Thaler - früher mal Berater Barack Obamas, seit 2017 Wirtschaftsnobelpreisträger.

Amerika braucht einen Anstoß, um aus der Krise herauszufinden, sagt Richard Thaler, Professor an der Chicago Business School. Der Berater von Barack Obama ist überzeugt: Der demokratische Kandidat könnte einer der wichtigsten US-Präsidenten in der Geschichte werden.

Im Spätsommer 2008 schaute die Welt gebannt in die USA: Würde erstmals ein Farbiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Aus diesem Anlass führte der damalige stellvertretende Chefredakteur des manager magazins, Henrik Müller, ein Interview mit einem der damals wichtigsten, in Deutschland gleichwohl weitgehend unbekannten Berater Barack Obamas: Richard Thaler. Neun Jahre später ist der Verhaltensökonom selbst ein Mann von Weltruhm - in dieser Woche wurde er als Wirtschafts-Nobelpreisträger ausgerufen. Aus diesem Anlass dokumentieren wir das Interview vom 28. August 2008:

mm.de: Herr Professor Thaler, in Ihrem neuen Buch "Nudge" skizzieren Sie einen neuen Ansatz für die Wirtschaftspolitik. Menschen bräuchten manchmal einen Anstoß, um ihr Verhalten zu ändern und vernünftige Entscheidungen zu treffen. Sie beraten auch den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama. Braucht Amerika einen solchen Anstoß, um sich zu ändern?

Thaler: Zunächst mal braucht Amerika einen neuen Präsidenten. Es ist Zeit für einen Neuanfang. Und es wäre schön, wenn endlich mal jemand ins Amt käme, der klug ist. Obama ist ein wirklich intelligenter Mann. Und dabei ist er offen für neue Ideen: Er ruft uns, seine Berater, an, gerade wenn er weiß, dass wir anderer Meinung sind. Er will sie aber hören. Darin zeigt sich eine intellektuelle Souveränität, die unser Land gut gebrauchen kann. Er hat das Potenzial, die Krise unserer Gesellschaft zu lösen, indem er ihr einen Anstoß - einen "Nudge" - gibt.

mm.de: Sie halten den Republikaner John McCain für zu dumm für das Präsidentenamt?

Thaler: Das habe ich nicht gesagt. Ich sage nur: Falls McCain gewählt wird, bekommen wir mehr vom Gleichen. Er bringt keine neuen Ideen mit.

mm.de: Und Obama würde Amerika grundlegend verändern?

Thaler: Wenn Obama gewählt wird, dann ist alles möglich.

mm.de: Übertreiben Sie da nicht ein bisschen?

Thaler: Vielleicht. Aber sehen Sie sich mal an, was in den Jahren der Bush-Regierung aus den USA geworden ist. Nehmen Sie nur das ungesetzliche Gefangenenlager in Guantanamo. Amerika war immer das Vorbild für die Welt, das war Teil unserer Identität. Aber in den vergangenen Jahren sind Dinge passiert, die unsere Vorbildfunktion beschädigt haben. Obama kann viel daran ändern. Er kann einer der wichtigsten Präsidenten in der Geschichte der USA werden.

mm.de: Wie denn?

Thaler: Zunächst mal dadurch, wer er ist: ein Afroamerikaner, der Karriere gemacht hat, der es nach ganz oben geschafft hat, an die Universität von Chicago, nach Harvard, in den Senat, womöglich ins Präsidentenamt. Er lebt vor, dass Amerika eine durchlässige Gesellschaft sein muss, die allen Chancen eröffnet. Dadurch ist er auch für junge schwarze Männer und Einwanderer ein positives Vorbild. Außerdem ist er weltgewandt, allein durch seine Herkunft. Er hat als Kind in verschiedenen Kulturen gelebt; sein kenianischer Vater stammte aus einer muslimischen Familie, Baracks zweiter Vorname ist Hussein. Dieser Hintergrund gibt ihm einzigartige Möglichkeiten, die Krise am Persischen Golf zu lösen. Er kann die amerikanische Außenpolitik in der Region auf eine neue Grundlage stellen - zumal er von Anfang an gegen den Irak-Krieg war.

mm.de: Wenn man Obamas wirtschaftspolitisches Programm liest, dann klingt das nach klassischem Interventionismus. Haufenweise Subventionen, mehr Sozialprogramme, höhere Steuern für die Reichen, mehr Regulierungen für die Finanzmärkte, ein bisschen Protektionismus - nach großem Aufbruch klingt das nicht gerade.

Thaler: Oh, er hat ein paar sehr innovative Ansätze in seinem Programm. Einige hat er von mir übernommen. Zum Beispiel die Idee einer "electronic disclosure", einer elektronischen Ausweispflicht für Unternehmen.

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