08.08.2017  Seekabel "Nordlink" verbindet Deutschland und Norwegen

Wie Norwegen zur Batterie Europas wird

Aus Südnorwegen berichtet Volker Kühn
Volker Kühn

Ein neues Seekabel soll ein Kernproblem der Energiewende lösen: die schwankende Leistung von Windrädern und Solaranlagen. Stauseen im hohen Norden werden damit zur Batterie des Kontinents. Zu Besuch beim Baustart der Nordlink-Leitung am Vollesfjord.

Die Hand von Stein H. Auno gleitet über den Tisch zu seinem Smartphone. Zuerst ruft er die App auf, die ihm die Akkufüllung seines BMW i3 anzeigt. Fast voll, er grinst zufrieden. Dann wischt der Manager des norwegischen Netzbetreibers Statnett durch die Menüs, bis im Browser eine Nordeuropa-Karte erscheint. Blaue Pfeile darauf geben an, in welche Richtung der Strom durch die Netze der Region fließt. Aunos Grinsen wird breiter. "Wir exportieren mal wieder kräftig."

Keine der fünf Preiszonen, in die Norwegen unterteilt ist, führt zu diesem Zeitpunkt Strom aus dem Ausland ein. Stattdessen fließt er über die Landgrenzen nach Russland, Finnland und Schweden sowie durch zwei Seekabel nach Dänemark und Holland.

Bald kommt eine neue XXL-Trasse hinzu: Nordlink, ein 623 Kilometer langes Kabel, das Statnett zusammen mit dem niederländischen Netzbetreiber Tennet und der KfW-Bank zwischen Norwegen und Deutschland baut. Es ist der Grund, warum sich die Projektpartner an diesem Abend Ende Juli zum Festmahl im malerisch über dem Fjord gelegenen Utsikten-Hotel treffen: Wenn alles glattläuft, wird Nordlink am kommenden Morgen ganz in der Nähe von einem Kabelverlegungsschiff aus mit dem Land verbunden.

Zwei-Milliarden-Euro-Leitung: Norwegen wird zur Batterie Europas

Es ist ein Meilenstein beim Bau der Zwei-Milliarden-Euro-Leitung, durch die ab 2020 bis zu 1400 Megawatt Strom fließen sollen. Das entspricht in etwa der Leistung des aktuell größten deutschen Atomkraftwerks Isar 2 und fast einem Drittel aller derzeit installierten deutschen Offshore-Windparks.

Damit wächst die ohnehin große Bedeutung Norwegens für Europas Stromversorgung. Das Land im hohen Norden mit seinen 5,2 Millionen Einwohnern wird mehr und mehr zur Batterie des Kontinents.

Der Grund sind seine gewaltigen Wasserkraftwerke. Nirgendwo in Europa sind die Bedingungen dafür günstiger als im regenreichen Norwegen mit seinen steilen Fjordwänden und den Seen in den fast menschenleeren Hochebenen darüber. Sind die Speicher komplett gefüllt, könnten sie theoretisch 82 Terawattstunden Strom liefern - fast ein Fünftel des gesamten deutschen Jahresverbrauchs.

"Wir haben viel mehr Energie als wir brauchen", sagt Statnett-Manager Auno, der Nordlink als Projektleiter verantwortet. "Und Deutschland braucht nach dem Atomausstieg neue Quellen. Von dem Kabel profitieren also beide Seiten." Dann steckt er das Handy weg. Zeit, zu Bett zu gehen - die Verlegung der Leitung beginnt am frühen Morgen und vorher hat sich auch noch das norwegische Radio für ein Interview angemeldet.

Die "Skagerrak" verlegt tonnenschwere Unterwasserkabel

Auf der Baustelle am Vollsfjord herrscht anderntags gespanntes Warten. Unten auf dem Wasser liegt die "Skagerrak", eines der größten Kabelverlegungsschiffe der Welt. Sie hat die ersten 124 Kilometer des Nordlink-Kabels an Bord. Gesamtgewicht: etwas mehr als 6000 Tonnen.

Eine Kamera überwacht 30 Meter unter dem Wasserspiegel den ersten heiklen Moment des Tages: Das Kabel, samt Ummantelung so dick wie ein Bein, wird an ein Stahlseil angeschlossen, das es durch einen nur wenig breiteren, aber 400 Meter langen Tunnel bis hinauf zur Baustelle oben am Fjord ziehen soll. Dort entsteht derzeit eine sogenannte Kabelübergangsanlage, von der aus die Leitung später an Masten aufgehängt über 50 Kilometer bis zu einer weiteren Großbaustelle bei Tonstad geführt wird.

Hier errichtet der Schweizer Industriekonzern ABB auf einer Fläche von 16 Fußballfeldern eine Konverterstation. Sie ist nötig, weil durch Nordlink Gleichstrom fließt - eine Technologie, die es erlaubt, Energie über große Distanzen nahezu verlustfrei zu transportieren.

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