30.06.2017  Turbulenzen am Aktienmarkt

Anleger fürchten um ihre liebste Droge

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Börse in Frankfurt: Anleger haben offenbar Angst vor der Normalität. Schon die Befürchtung, die EZB könnte vom Krisenmodus in den Normalmodus zurückkehren, sorgte für einen Kursrutsch im Dax
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Börse in Frankfurt: Anleger haben offenbar Angst vor der Normalität. Schon die Befürchtung, die EZB könnte vom Krisenmodus in den Normalmodus zurückkehren, sorgte für einen Kursrutsch im Dax

EZB-Chef Mario Draghi lobte in dieser Woche die Konjunktur - und sorgte damit für einen Kursrutsch an der Börse. Zu groß ist offenbar die Angst der Investoren, ihre liebgewonnene Droge zu verlieren: billiges Geld.

Investoren an der Börse hängen inzwischen vom billigen Geld der Notenbanken ab wie der Drogensüchtige von seinem Stoff - noch deutlicher als in dieser Woche lässt sich das kaum demonstrieren: Mit Fed-Chefin Janet Yellen in den USA, EZB-Präsident Mario Draghi für die Euro-Zone sowie Mark Carney, Chef der Bank of England, äußerten sich gleich drei Schwergewichte unter den Notenbankern zur Geldpolitik. Und weil die Statements teilweise überraschten, kam es an der Börse sogleich zu heftigen Verwerfungen.

Vor allem Draghi und Carney wichen von ihrer bisherigen Linie ab: Beide äußerten sich betont positiv zur konjunkturellen Lage und schienen damit ein bevorstehendes Ende der sehr lockeren Geldpolitik ihrer Institute signalisieren zu wollen.

Die Reaktion an den Finanzmärkten erfolgte schnell und unmissverständlich: Die Kurse von Aktien und Anleihen in Frankfurt, London und anderswo rutschten ab, Euro und britisches Pfund dagegen sprangen in die Höhe. Der Dax verlor in dieser Woche mehr als 500 Punkte.

Es scheint, als seien aufgrund der Aussagen der Notenbanker plötzlich wieder Angst und Zweifel an die Börse zurückgekehrt. Darauf deutet auch das plötzliche Anspringen der Volatilitäts-Indizes hin, die auch Angstbarometer genannt werden. Sie zeigen an, welche Schwankungsbreite Investoren für die Aktienkurse erwarten.

Bei einem hohen Indexstand stehen in der Regel unruhige Zeiten bevor - und sowohl der VDax für den hiesigen Aktienmarkt als auch der Vix für den breiten US-Index S&P 500 sind nach einer längeren Phase auf niedrigem Niveau in diesen Tagen auf die höchsten Stände seit etwa zwei Monaten gestiegen. Indem Draghi in dieser Woche im portugiesischen Sintra von einer "Normalisierung" der Geldpolitik sprach, hat er offenbar ein Sicherheitsnetz für kauffreudige Anleger weggezogen: Die scheinbare Sicherheit, dass die Flut billigen Geldes weiterhin für eine hohe Nachfrage an den Finanz- und Immobilienmärkten sorgen werde. In einer Zeit, in der sich Anleger an den Notfall-Modus der EZB und an permanent billiges Geld gewöhnt haben, wirkt das Wort "Normalisierung" wie ein Alarmsignal.

US-Notenbank Fed erhöht Zinsen seit 2015 - und die Aktienkurse steigen

Die Entwicklung irritiert umso mehr, weil die Statements von Draghi, Carney und Yellen eigentlich einen überaus positiven Tenor hatten: Vor allem Draghi zeigte sich optimistisch, dass es in der Euro-Zone wirtschaftlich weiter aufwärts gehen werde. Auch die Inflation - von der EZB mit besonderer Obacht verfolgt - bewege sich inzwischen in die richtige Richtung, so der Zentralbank-Chef.

Wohl gemerkt: Trotz der erfreulichen Aussichten steht bei der EZB, anders als in den USA, eine Zinserhöhung derzeit kaum zur Debatte. Wenn Bankchef Draghi über eine Straffung der Geldpolitik nachdenkt, dann geht es vielmehr zunächst um ein allmähliches Zurückfahren der milliardenschweren Anleihekäufe, die die EZB nach wie vor Monat für Monat vornimmt.

Dass jedoch selbst dieser erste Schritt in Richtung eines Exits aus der ultralockeren Geldpolitik eine derart nervöse Reaktion an den Finanzmärkten auslöst, gibt zu denken.

Schließlich geht es anders: In den USA erhöht die Notenbank Fed die Zinsen schrittweise seit Ende 2015 - und die Aktienkurse haben seither weiter deutlich zugelegt. Das macht deutlich, dass die Normalisierung der Geldpolitik ein gutes Zeichen ist, weil sie für eine robuste, wachsende Wirtschaft und steigende Unternehmensgewinne spricht.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Diese Erkenntnis haben die Börsianer aber aktuell offenbar schon wieder aus den Augen verloren. Sie haben sich so sehr an die Geldschwemme der EZB gewöhnt, dass sie den Notstand, in dem diese zum Einsatz kommt, inzwischen schon für den Normalzustand halten.

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