19.05.2017  Finanzbranche im Umbruch

"Nachhaltigkeit erleichtert den Zugang zu Kapital - und zu den besten Köpfen"

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Bankenviertel in Frankfurt: "Die ab 2018 greifende Berichtspflicht zur Offenlegung nicht finanzieller Informationen wird Banken dazu verpflichten, sich mit den eigenen Strategien im Umgang mit Nachhaltigkeit zu befassen"
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Bankenviertel in Frankfurt: "Die ab 2018 greifende Berichtspflicht zur Offenlegung nicht finanzieller Informationen wird Banken dazu verpflichten, sich mit den eigenen Strategien im Umgang mit Nachhaltigkeit zu befassen"

Kaum eine Branche wird durch Digitalisierung so durchgeschüttelt wie die Finanzbranche. Ein Innovationstreiber soll nicht nur der wachsende Datenstrom, sondern vor allem die Ausrichtung auf nachhaltiges Wirtschaften sein, sagt Marlehn Thieme. Die Wissenschaftlerin erklärt warum.

mm.de: Frau Thieme, die Digitalisierung verändert die Bankenbranche gerade radikal. Zugleich kämpfen die Institute mit niedrigen Zinsen und höheren Anforderungen der Bankenaufsicht. Und nun sollen sich die Kreditinstitute laut Empfehlung des Hightechforums auch noch dem Thema Nachhaltigkeit verschreiben und Nachhaltigkeit als Innovationstreiber begreifen. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?

Marlehn Thieme

Marlehn Thieme: Wer weiter denkt, preist heute schon in sein Portfolio und in die Kreditvergabe die Risiken der Zukunft ein und fördert Chancen für zukunftsträchtige Geschäftsmodelle. Das heißt konkret: vor dem Hintergrund des Klimaschutzabkommens von Paris sind eher 95 Prozent CO2-Reduktion angezeigt als weniger. Die Energiewende signalisiert, dass Investitionen in Erneuerbare und Infrastruktur Vorrang haben sollte, und der Vertrauensverlust in die Finanzmärkte ist ein überdeutliches Signal, dass die Finanzindustrie mehr zum Nutzen der Menschen als zur Steigerung kurzfristiger Profite beitragen sollte. Das sind die Messlatten von heute.

mm.de: Bankkunden klagen derzeit aber eher über niedrige Zinsen als über die Gefährdung des Weltklimas. Wie bringt man kurz- und langfristige Interessen zusammen?

Thieme: Es ist klar, dass das auch Umgewöhnungsprozesse bei den Akteuren braucht. Eine langfristige Perspektive zu entwickeln ist in der durch Digitalisierung beschleunigten Zeit eine echte Bildungsaufgabe für Analysten, Investoren, aber auch die Kunden. Ein Einfallstor, das für jeden zugänglich ist, ist die Altersvorsorge. Ich hielte das für ein gutes Übungsfeld.

mm.de: Digitalisierung beschleunigt Veränderung, bringt aber auch Chancen. Wie können Finanzinstitute ihren wachsenden Datenstrom über Kunden und Unternehmen für ein nachhaltiges Wirtschaften nutzen?

Thieme: Indem sie erst einmal diese Systeme selbst auf Nachhaltigkeit stellt: sichere, energieeffiziente Server, die mit Strom aus Erneuerbaren Energien betrieben werden. Darüber hinaus werden Kunden und Unternehmen durch die wachsende Anzahl und Verfügbarkeit von Daten transparenter und bewertbarer. So können die Daten zum Beispiel Aufschlüsse über deren Nachhaltigkeitsorientierung geben. Diese Informationen sind für die Finanzbranche in zweierlei Hinsicht von Nutzen: Sie helfen erstens bei der Entscheidung, ob Kredite gewährt und Investitionen durch die Finanzwirtschaft gefördert werden oder nicht. Sie schaffen zweitens gute Voraussetzungen, um passgenaue nachhaltige Finanzprodukte zu entwickeln und anzubieten.

mm.de: Kritiker sehen die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit eher als Bremsklotz und setzen es mit hohen Aufwänden und einer weiter ansteigenden Regulierung gleich.

Thieme: Als Bremsklotz erweist sich das Thema Nachhaltigkeit vor allem dann, wenn das Chancenpotenzial nicht erkannt wird. Diese Reaktion ist ganz natürlich, das sehen wir ja auch bei Kundinnen und Kunden. Die ab 2018 greifende Berichtspflicht zur Offenlegung nicht finanzieller Informationen wird Banken und Finanzmarktakteure qua Gesetz dazu verpflichten, sich mit den eigenen Strategien im Umgang mit Nachhaltigkeitsthemen zu befassen. Es wird interessant sein zu sehen, welche Akteure hier bereits Konzepte ausgearbeitet haben und wer erst am Anfang steht.

mm.de: Das heißt, wer jetzt handelt, sichert sich Vorteile im Wettbewerb mit anderen Instituten?

Thieme: Die Integration von Nachhaltigkeit in die Kernprozesse einer Bank bedeutet zunehmend, dass der Zugang zu Kapital durch ein gutes Nachhaltigkeitsrating erleichtert wird - von den positiven Effekten auf den Ruf einer Bank ganz zu schweigen. Der Kampf um die besten Köpfe wird in der alternden Gesellschaft auch über Nachhaltigkeitsprofile ausgefochten. Wer angesichts solcher Marktanreize noch von Regulierung spricht, schätzt die Lage und dynamischen Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft völlig falsch ein. Die alten Rollenaufteilungen stimmen nicht mehr - welche die neuen sind, wird gerade ausgemacht.

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mm.de: Kann nachhaltiges Wirtschaften ohne staatliche Anreize und ohne staatliche Kontrolle funktionieren?

Thieme: Es geht nicht darum mehr zu regulieren, sondern anders, vor allem so, dass der Wettbewerb um die nachhaltigste Finanzmarkt wirksam eröffnet wird. Staatliche Regulierung kann am besten durch eine nachweisbare und institutionelle Verankerung von Nachhaltigkeit vermieden werden. Gerade deshalb ist es so wichtig Nachhaltigkeitseffekte nicht nur für Nachhaltigkeitsprodukte, sondern für alle Produkte zu erfassen und sichtbar machen zu lassen. Bei der Kreditvergabe sollten zu finanzierende Unternehmen ein wirksames Nachhaltigkeitsmanagement nachweisen. Unternehmen sind nicht länger Objekt, sondern Subjekt von Veränderungen. Wollen sie als Akteure ernst genommen werden, müssen sie Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft liefern.

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