05.05.2017  VW-Markenchef Diess steckt Ziele ab - und greift nach Zulieferer-Zoff Tesla an

VW will Tesla "Einhalt gebieten"

Aus Wolfsburg berichtet
VW-Markenvorstand Herbert Diess und sein Team: Thomas Schmall (links), Ralf Brandstätter, Thomas Ulbrich, Jürgen Stackmann, Herbert Diess, Arno Anlitz, Karlheinz Blessing und Frank Welsch (rechts).
DPA
VW-Markenvorstand Herbert Diess und sein Team: Thomas Schmall (links), Ralf Brandstätter, Thomas Ulbrich, Jürgen Stackmann, Herbert Diess, Arno Anlitz, Karlheinz Blessing und Frank Welsch (rechts).

In die Rolle des Angreifers zu schlüpfen: Das hatte Herbert Diess ursprünglich wohl nicht vor. Im frisch renovierten Markenhochhaus in Wolfsburg wollte der VW-Markenchef vor allem versichern, dass die Kernmarke des Volkswagen-Konzerns nun auf gutem, rentablen Kurs sei. "Auf dem richtigen Weg" war der Titel seiner Rede, in der es vor allem um eines ging: Zu zeigen, dass VW trotz Diesel-Krise große Fortschritte mache und die Sanierung der Marke nach Plan laufe.

Doch dann kam diese eine Frage, bei der Diess plötzlich zur Attacke blies - auf einen Konkurrenten, der lange in den oberen Etagen des Volkswagen-Konzerns nicht so richtig ernst genommen wurde: Wie denn der Markenchef den kalifornischen Elektroautohersteller Tesla bewerte, wollte ein Journalist wissen. Üblicherweise weichen Automanager solchen Fragen mit dem Hinweis aus, dass man sich zu einzelnen Konkurrenten nicht äußere.

Nicht so Diess. "Tesla ist in der Tat in der neuen Automobilwelt ein ernst zu nehmender Wettbewerber", hob der gebürtige Bayer an. Die Kalifornier kämen aus dem oberen Preissegment. Doch Volkswagen habe "den Anspruch, mit neuen Auto-Architekturen Tesla Einhalt zu gebieten". Die künftigen VW-Elektroautos "können alles, was Tesla kann, in einigen Bereichen sogar noch darüber hinaus", formulierte Diess seine Kampfansage an Tesla . Nur sei man eben nicht im Premium-Segment unterwegs, sondern werde leistungsstarke Elektroautos für die breite Masse anbieten.

Tesla brüskiert VW - und VW keilt zurück

Damit zeigt Diess klare Kante gegen den umjubelten Elektroautobauer aus Kalifornien, der mit seinem Model 3 den Massenmarkt erobern und deutsche Autohersteller wie VW frontal in ihrem wichtigsten Segment angreifen will. Tesla hatte bereits am Vortag die deutschen Autobauer brüskiert, weil das Unternehmen die Verbindungen des Autozulieferers Grohmann zu seinen langjährigen Kunden VW, BMW und Daimler kappen soll. Die Antwort von Markenvorstand Diess, wie man Tesla in Schach zu halten gedenke, fiel am folgenden Tag in Wolfsburg überraschend detailliert aus.

Als erstes werde der Konzern zwei Elektro-SUVs auf den Markt bringen, wurde Diess dann noch deutlicher. Einer werde die Größe des Tiguan haben, der zweite von der Länge her eine Art verlängerter Tiguan mit sieben Sitzen. Im Übrigen werde es künftig auf den richtigen Mix zwischen Elektrofahrzeugen und marktgängigen konventionellen Fahrzeugen ankommen, erklärte Diess noch.

Dass VW mit seinen massentauglichen Elektroautos erst 2020 vorfahren werde, Tesla mit seinem Model 3 aber bereits zwei Jahre früher, sieht der VW-Markenchef selbstredend nicht als Nachteil. VW sei gut darin, innovative Technologien zu bezahlbaren Preisen in Großserie zu bringen. Da müsse man nicht unbedingt erster am Markt sein, befand Diess.

Elektroantriebe als Ausweg - unabhängig von Spezial-Anbietern wie Tesla

Wo genau die Elektro-VWs nun besser sind als die Kalifornier, das wollte Diess jedoch nicht preisgeben. Doch er gewährte auch einen kurzen Einblick darin, was den Autoriesen Volkswagen Richtung Elektromobilität treibt. Die weltweit immer schärferen Abgasrichtlinien nämlich. Wegen des Diesel-Skandals ist der Ruf der Selbstzünder als vergleichsweise CO2-armer Antrieb stark beschädigt. Die strengeren Vorgaben für CO2- und Stickoxid-Emissionen machen Dieselmotoren um 1500 bis 2000 Euro teurer, rechnete Diess auf Nachfrage vor. Das dürfte gerade kleinere Dieselfahrzeuge unattraktiv machen für Autokäufer mit schmalem Geldbeutel.

Was er nicht sagte: Auch die weltweite Lust auf SUVs macht Autoherstellern die Einhaltung ihrer Flottenziele immer schwerer. Elektroantriebe sind da der sinnvollste Ausweg - sie will VW bald auf dem Preisniveau vergleichbarer Dieselmotorisierungen anbieten. Brennstoffzellen sieht Diess nur in Oberklasse-Fahrzeugen als sinnvoll an. Denn die Technik sei voluminös, erklärte er. Teuer ist sie obendrein.

Hohe Strafzahlungen drohen - dann das Geld doch lieber investieren

Volkswagens Kehrtwende hin zu Elektromobilen ist damit laut Diess die logische Folge. Ob der Konzern tatsächlich mit solchen Fahrzeugen punkten kann und Tesla in die Parade fährt, muss Diess in den kommenden Jahren noch zeigen. Billig wird das nicht: Die drohenden Strafzahlungen in der EU seien in etwa so hoch wie die Investitionen, die zur Erreichung der Flottenziele notwendig seien, erklärte Diess.

Im Klartext: Die Investitionen in konventionelle Motoren liegen bei über einer Milliarde Euro. Die Elektro-Revolution in Wolfsburg wird wohl noch deutlich teuer. Kein Wunder also, dass Diess an einer Stelle erklärte, dass die Jahre 2019 und 2020 "sehr anstrengende Jahre für die Industrie" werden. Trotzdem soll die gesamte Elektroflotte von Anfang an profitabel sein, versicherte Diess, der sich während der Pressekonferenz auch mal einen Lacher gestattete und deutlich gelöster wirkte als noch vor einigen Monaten.

Auch für Diess selbst dürften es ziemlich fordernde Jahre werden. So viel ist nach der heutigen Präsentation sicher.

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