20.02.2017  Sensations-Sieg gegen Kaufleute-Establishment

Rebellen stürmen Hamburger Handelskammer

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Tobias Bergmann, Sprecher des Hamburger Bündnisses "Die Kammer sind wir!"
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Tobias Bergmann, Sprecher des Hamburger Bündnisses "Die Kammer sind wir!"

Enttäuscht: Fritz Horst Melsheimer, amtierender Präses der Handelskammer
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Enttäuscht: Fritz Horst Melsheimer, amtierender Präses der Handelskammer

Zeitenwende in der traditionsreichen Hamburger Handelskammer: Bei der Wahl zum Plenum hat eine radikaloppositionelle Gruppe nahezu alle alt eingesessenen Unternehmen der Hansestadt verdrängt.

Das Wahlbündnis "Die Kammer sind wir" hat 55 von 58 Sitzen erobert und dabei Vertreter von Firmen wie Airbus , Siemens , M.M. Warburg, Vattenfall sowie zahlreichen Reedereien aus dem höchsten Entscheidungsgremium verdrängt. Die nunmehr gewählten Vertreter der Hamburger Wirtschaft sind weitgehend unbekannt, ebenso die meisten der Unternehmen, die sie leiten.

Damit scheint die Rolle der Kammer als Bollwerk einer konservativ-hanseatischen Wirtschaftspolitik 352 Jahre nach ihrer Gründung vorerst beendet. Die Wahlsieger wollen unter anderem die Zwangsbeiträge abschaffen und die Arbeit der Wirtschaftsvertretung fortan transparenter und politisch möglichst neutral gestalten. Drastisch sinken dürfte auch das Gehalt des Hauptgeschäftsführers, der bisher mit knapp 500.000 Euro im Jahr vergütet wurde.

Zum neuen Präses soll im Mai Tobias Bergmann (46) gewählt werden. Der Inhaber einer für Gewerkschaften und andere Non-Profit-Organisationen tätigen Werbeagentur würde dann Nachfolger von Fritz Horst Melsheimer (67), dem ehemaligen Chef des Versicherungskonzerns HanseMerkur.

Gestoßen haben sich die Rebellen insbesondere an der bisher stark politischen Rolle des Handelskammer-Präses. Die obersten Vertreter der Hamburger Wirtschaft hatten sich beispielsweise vehement gegen den Rückkauf der Energienetze oder für eine Olympia-Bewerbung der Hansestadt ausgesprochen. In Gerichtsverfahren hatte das Oppositionsbündnis die Kammer bereits erfolgreich zu Zurückhaltung bei Meinungsäußerungen verpflichtet.

"Wir haben ja vor der Wahl gesagt, was wir ändern wollen, wir wollen die Zwangsbeiträge abschaffen und das werden wir machen", sagte Bergmann. Es gebe viele Organisationen, die mit freiwilligen Beiträgen arbeiteten, sagte Bergmann. "Die Kammern in der Schweiz sind ein ganz hervorragendes Beispiel, die mächtig sind, die einflussreich sind, wo die Schweizer oder Schweizer Unternehmer sagen 'Wir zahlen freiwillig'".

Derartige Forderungen könnten nun auch in anderen deutschen Städten lauter werden. Die Hamburger Wahl hat bundesweit für Furore gesorgt. Vor allem die Zwangsbeiträge sind vielerorts Gegenstand von Kritik. Im Mai stehen beispielsweise Wahlen der Berliner Handelskammer an.

In Köln äußerte Flughafen-Chef Michael Garvens Sympathien für Positionen der Hamburger Kammerrebellen. So sollte das Gehalt des Hauptgeschäftsführers veröffentlicht werden, zitierte der "Kölner Stadt-Anzeiger" den Manager. "Ein sorgsamer und kostenbewusster Umgang mit Beiträgen der Pflichtmitglieder muss oberste Priorität haben."

In Stuttgart steht die Handelskammer (IHK) im Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 im Feuer der Kritik. Die IHK favorisiert das Projekt, obwohl zahlreiche Mitglieder es vehement ablehnen.

mit dpa

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