13.01.2017  Geld, Adel, Vaterland

Wer schon vor 100 Jahren auf Deutschlands Reichstenliste stand - und heute immer noch

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1911 sorgte die erste Millionärsliste im Deutschen Reich für Furore. Ein Vergleich mit der aktuellen mm-Reichstenliste zeigt, wie viel altes Geld in Deutschlands Großvermögen steckt.

Als zahlreiche Hochvermögende an einem Tag Anfang März 1911 ihre persönliche Post durchgingen, dürften viele unter ihnen empört gewesen sein: "Hierdurch beehren wir uns Ihnen mitzuteilen, dass sowohl Ihr Vermögen als auch Ihr Einkommen beziffert ist in dem 'Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre in Preußen'", lasen sie da. Absender des Rundschreibens war der Autor des Buchs, ein gewisser Rudolf Martin. Empfänger waren die Kapitalgrößen des Deutschen Kaiserreichs.

Schon wenige Tage später rückte die Kriminalpolizei dem ehemaligen preußischen Beamten auf den Leib und durchsuchte drei Stunden lang seine Wohnung, sein Büro und die Druckerei, in der schon die Druckfahnen des provokanten Werks lagen. Der Verdacht: Betrug und Bestechung. Denn anders, mutmaßte die Obrigkeit, könne Martin an die für seine Millionärsliste notwendigen Steuerdaten ja wohl kaum gelangt sein.

Doch die eilfertigen Kriminalen fanden nichts Inkriminierendes, die Ermittlungen wurden nach zwei Monaten eingestellt. Und im November 1911 erschien Martins Millionärsjahrbuch erstmals - zum Preis von 45 Mark, heute etwa 240 Euro. Es wurde ein solcher Erfolg, dass es bald auf dem Schreibtisch vieler Millionäre neben dem "Gothaer Almanach" zu liegen kam, dem Handbuch des deutschen Adels. Martins Werk war für die Vermögenselite im Deutschen Reich schon deshalb praktisch, weil der clevere Autor sämtliche Einträge mit den Privatadressen der Großverdiener versehen hatte.

Gesellschaftliche Seismografen

Schon vor einem Jahrhundert führten Reichenlisten also ein widersprüchliches Dasein: Sie stießen auf enormes Interesse, gerade bei Vermögenden, sie machten aber ihre Autoren bei ebenjenen nicht gerade populär. Das gilt auch für das manager magazin, das die hierzulande von Rudolf Martin begründete Tradition in dieser Ausgabe zum 16. Mal fortsetzt.

Millionärslisten sind gesellschaftliche Seismografen. Sie weisen auf Trends in der Sozialstruktur ebenso hin wie auf ökonomische Machtverhältnisse, sie finden Eingang in politische Debatten, und nicht zuletzt lässt sich mit ihrer Hilfe abschätzen, wie sich Reichtum in einer Gesellschaft über Generationen verteilt und entwickelt - ein soziales Momentum, das Ökonomen und Soziologen heute gleichermaßen interessiert wie Politiker und Zentralbanker.

Martins Top 15 der aktualisierten Ausgabe von 1913 führen die Haniels an, jene heute noch recht reiche Sippe aus Reedern, Industriellen und Kohlehändlern, deren Vermögen Martin auf 618,5 Millionen Mark taxierte - was nach einer Berechnung der Bundesbank zum heutigen Wert historischer Währungen nahezu 3,2 Milliarden Euro entspräche (siehe Tabelle).

Die reichsten Anno 1913
Viele Größen der Kaiserzeit kennt man heute noch

1 Familie Haniel Rheinland / Reederei, Kohle, Maschinenbau 618,5 Mio. Mark* (3,2 Mrd. Euro)
2 Familien von Rothschild und Goldschmidt-Rothschild Hessen-Nassau / Finanzdienstleistungen 390 Mio. Mark (2 Mrd. Euro)
3 Familie Henckel von Donnersmarck Schlesien / Zink, Maschinenbau 360 Mio. Mark (1,8 Mrd. Euro)
4 Familie von Bayern Bayern / Grundbesitz 359 Mio. Mark (1,8 Mrd. Euro)
5 Großherzog Adolf Friedrich von Mecklenburg-Strelitz Mecklenburg-Strelitz / Grundbesitz 358,5 Mio. Mark (1,8 Mrd. Euro)
6 Familie Krupp Westfalen / Industrie 286,5 Mio. Mark (1,5 Mrd. Euro)
7 Fürst Albert I. von Thurn und Taxis Bayern / Grundbesitz 280 Mio. Mark (1,4 Mrd. Euro)
8 Familie von Hohenzollern / von Preussen Berlin / Grundbesitz 205,5 Mio. Mark (1 Mrd. Euro)
9 Familie von Hohenlohe Württemberg und Schlesien / Industrie 184 Mio. Mark (0,9 Mrd. Euro)
10 Familie von Stumm-Halberg Rheinland / Kohle, Stahl 170 Mio. Mark (0,9 Mrd. Euro)
11 Max Egon II. zu Fürstenberg Württemberg / Grundbesitz 110 Mio. Mark (0,6 Mrd. Euro)
12 Familie Sedlmayr Bayern / Genussmittel 95 Mio. Mark (0,5 Mrd. Euro)
13 Familie Peter Werhahn Rheinland / Handel, Mühlen 90 Mio. Mark (0,5 Mrd. Euro)
14 Familie Thyssen Rheinland / Industrie 80 Mio. Mark (0,4 Mrd. Euro)
15 Familie von Siemens Berlin / Industrie 77,5 Mio. Mark (0,4 Mrd. Euro)

*laut Bundesbank entspricht 1 Mark des Jahres 1913 heute 5,10 Euro

Auf Platz sieben, gleich hinter Krupp, sah der ehemalige Staatsdiener die von Thurn und Taxis mit immerhin fast 1,4 Milliarden Euro Vermögen. Platz elf belegten die zu Fürstenbergs, ein auch heute noch umtriebiges Adelsgeschlecht, das aus Böhmen stammt. Martins Zeitgenosse, Max Egon II. zu Fürstenberg (1863 bis 1941), galt als enger Vertrauter Kaiser Wilhelms II. und großer politischer Strippenzieher. Der Fürst zu Fürstenberg ließ sich mit einem eigenen Salonwagen durch die Lande kutschieren, der an reguläre Schnellzüge angehängt wurde - die zeitgenössische Version des Privatjets.

Vor allem der Zweite Weltkrieg hat die Rangliste der reichsten Deutschen dann erheblich verändert. Der ostpreußische und schlesische Adel, bei Rudolf Martin zentraler Teil der deutschen Vermögenselite, büßte einen Großteil seiner Besitzungen ein. Prominentes Beispiel sind die Henckel von Donnersmarcks, die in Schlesien zu einem der größten Zinkproduzenten der Welt aufgestiegen waren und deren Konzern dem der Krupps an Größe kaum nachstand. Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck (1830 bis 1916) galt als einer der reichsten Deutschen seiner Zeit.

Zum anderen wurden zahlreiche vermögende Juden Opfer der Verfolgung und Enteignung durch die Nationalsozialisten. So gehören die Rothschilds aus Frankfurt, 1913 noch mit einem Vermögen von 390 Millionen Mark (fast 2 Milliarden Euro) die zweitreichste Familie im Deutschen Reich, heute als Bankiers in Frankreich und Großbritannien zu den Hochvermögenden, aber nicht mehr in Deutschland.

Allen Kriegen und Verfolgungen zum Trotz: Ein Vergleich der Schätzungen von 1913 mit denen von manager magazin zeigt, dass mehr als 40 der 500 reichsten deutschen Familien bereits von Rudolf Martin zu den Millionären im Deutschen Reich gezählt wurden. Vor allem auf den hinteren Seiten seines Jahrbuchs finden sich die großen Industriellenfamilien des 19. Jahrhunderts Siemens, Bosch, Werhahn, Henkel, Röchling oder Thyssen-Bornemisza neben Bankiersclans wie den von Metzlers, den von Oppenheims oder den Berenberg-Gosslers, deren Geldhäuser es heute noch gibt.

Aber auch die blaublütigen von Faber-Castells, die mit ihren Bleistiften zu den unternehmerischsten unter den deutschen Adeligen gehören, erfreuten sich schon 1913 eines Vermögens von 39 Millionen Mark, also fast 200 Millionen Euro. Zu den vielfachen Millionären zählte Rudolf Martin überdies die Wackers (heute Wacker Chemie), die Voiths (Maschinenbau), die Mittelsten Scheids (Vorwerk), die Haubs (Tengelmann) und die Volkhardts, denen heute etwa der "Bayerische Hof" in München gehört. Ebenfalls bereits von Rudolf Martin in seinem Millionärsjahrbuch geadelt: die Willes und Randlkofers, die um die Marke Dallmayr einen mittelgroßen Kaffeekonzern zusammengebrüht haben, die Lechlers, die den Autozulieferer Elring Klinger kontrollieren, und die Grillos aus Duisburg, die Familie des scheidenden BDI-Präsidenten Ulrich Grillo.

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