21.04.2017  Facebook will Gedanken lesen - der Test

Achtung, dieser Text kommt direkt aus dem Hirn

Eine Satire von
Achtung: Dieses Bild ist nur ein Symbolfoto. Das bin gar nicht ich! Und die Haube ist auch nicht von Facebook! Aber das ist Ihnen egal, oder? Mir auch.
DPA
Achtung: Dieses Bild ist nur ein Symbolfoto. Das bin gar nicht ich! Und die Haube ist auch nicht von Facebook! Aber das ist Ihnen egal, oder? Mir auch.

Das Online-Netzwerk Facebook arbeitet an Technologien zum Gedankenlesen mit dem Ziel, Gedanken per Elektrodenhaube direkt aus dem Hirn in Text umzuwandeln - fünf Mal so schnell wie beim normalen Schreiben. manager-magazin.de konnte einen Prototypen exklusiv vorab für diese Glosse testen.

So, jetzt setze ich mal das Ding auf. Huch, es schreibt ja schon! Also los: Gedanken in Text umwandeln ist im Grunde nur die Umkehrung einer schon Jahrtausende alten Technik: Text in Gedanken umwandeln. Das klappt auch offline. Man nennt es lesen. Aber mit der Haube hier kann man nun auch - oh Gott wie sehen jetzt meine Haare aus? Wenn die Gedanken direkt in Text umgewandelt werden, ach ja, Butter, Milch, Brot, Eier und noch beim Baumarkt vorbei, wie heißt denn das Abdeckdings am Ende der Sockelleiste, verdammt, das wäre auch mal ein Thema für eine Glosse, die Dings, also Sprache, aber die Haare, kann ich so in den Baumarkt?

Fokussieren, fokussieren. Aber wer sieht's denn? Wenn's einer sieht, so paßt er gerade so wenig auf, wie ich, und vor dem brauch' ich mich nicht zu genieren... aber ich schweife ab. Quantensprung in der Technikwelt. Das nimmt mir doch keiner ab, wenn ich hier den Nerd raushängen lasse, obwohl ich meist doch nur Igelvideos bei Youtube gucke und meine Nichte anrufen muss, wenn ich bei Whatsapp die blauen Haken weghaben will, aber weiß ja keiner, ruhig bisschen angeben.

Warum weiß das keiner? Warum bin ich so unbekannt? Als Journalistin müsste ich viel mehr Marke sein, liest man doch immer wieder. Wäre das besser? Dann müsste ich mich aber mehr zusammenreißen, auch bei solchen Texten hier, die Gedankenhaube, ich weiß ja nicht, kann man ein Wortspiel mit "unter die Haube kommen" bringen, nein, das ist zu altbacken. Kann ich in meinem eigenen Kopf auf "gefällt mir" klicken, wenn eine gute Idee kommt? Aber es kommt ja keine! Wenn die Gedanken blöd sind, was hilft dann die Haube?

Ein Eichhörnchen! Da sagt das Hirn doch: Süß!
DPA
Ein Eichhörnchen! Da sagt das Hirn doch: Süß!

Oh, ein Eichhörnchen! Home office ist echt toll, im Verlag kommen nie Eichhörnchen vorbei, ob ich ein Eichhörnchenbild in den Text bauen kann, oder fliege ich raus, wenn ich ein unmotiviertes Eichhörnchen auf unsere Homepage baue? Gekündigt wegen Eichhörnchen, ein schönes Karrierethema, gleich mal vormerken. Komm, ich riskier' das, ich bin halt ein Adrenalinjunkie, hahaha, Eichhörnchen, gefährlicher wird's nicht mehr.

Facebook. Tiere gehen immer. Mark Zuckerberg kann nicht gekündigt werden, das ist sein Vorteil, andererseits muss er Mark Zuckerberg sein, würde man das wollen? Ich bin so gerne ich. Aber die Haare, diese neue Technik, das muss noch besser, dieses Ding auf meinem Kopf und dann noch die ganzen Dinge in meinem Kopf, das ist einfach zuviel!

Also, wenn das Ding meine Gedanken liest, dann kann es doch auch gleich Freunde für mich finden. Oder einkaufen. Aber auf welchen Hirnteil hört es dann? Wo sitzt die Stimme der Vernunft? Schokolade. Vollkornbrot. Lieber Schokolade. Alexa, bring mir Schokolade! Alexa? Siri? Ok Google! Wo seid ihr denn alle? Schokolade, hat wenig Vitamine, muss man deshalb viel von essen.

Text aus Gedanken, fünf Mal schneller, alles. Dann ist man mit Mitte 30 spätestens mit dem Leben fertig, was macht man dann mit dem Rest? Die ganzen Silicon-Valley-Typen arbeiten ja auch an der Unsterblichkeit, warum muss man dann überhaupt alles fünf Mal schneller machen? Hätte man doch endlich mal Zeit!

Aber ach so, ja klar, wenn alle fünf Mal so schnell schreiben, muss man dann wohl auch fünf Mal so viel lesen. Bleibt also doch alles beim alten. Ich nehm' die Haube jetzt wieder ab.

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