14.03.2018 
Chinas Bosse - Teil 4

"Jack Ma ist das Gesicht des neuen Chinas"

Von
Alibaba-Chef Jack Ma: "Man sollte von seinen Konkurrenten lernen, sie aber nicht hassen"
REUTERS
Alibaba-Chef Jack Ma: "Man sollte von seinen Konkurrenten lernen, sie aber nicht hassen"

Geely-Chef Li Shufu sorgt mit seinem Einstieg bei Daimler für Aufregung in der weltweiten Autobranche. Doch nicht nur die Autohersteller bekommen den wachsenden Einfluss von Chinas mächtigen Bossen zu spüren. mm-Reporter Wolfgang Hirn beschreibt in seinem neuen Buch unsere unbekannten Konkurrenten - Teil 4: Alibaba-Chef Jack Ma.

Der Schotte Duncan Clark, der in Beijing die Investmentfirma BDA leitet, kennt ihn gut, hat ihn oft getroffen. Er hat einen weltweiten Bestseller über Alibaba und Jack Ma geschrieben (Alibaba: The House that Jack Ma Built). Bei einem Kaffee im Kerry Center in Beijing plaudert er über das Objekt seines Buches. Er sagt: "Jack Ma ist das Gesicht des neuen Chinas." Er sei sicher der charismatischste Unternehmer des Landes.

Jack Ma hat stets tolle Sprüche auf Lager, auch - und das macht ihn auch im Ausland so populär - in Englisch. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Büchern mit den - zugegeben - amüsanten Sprüchen von Jack Ma. Er verkündet dort viele einfache Wahrheiten. Sie sind alle von fast konfuzianischer Schlichtheit und Weisheit.

Deshalb ein paar Kostproben aus dem Sprachschatz von Ma, um den Unternehmer besser zu verstehen, wie er tickt und denkt:

Wolfgang Hirn
Chinas Bosse: Unsere unbekannten Konkurrenten

Campus Verlag, 284 Seiten, gebunden, Februar 2018, 26.00 Euro

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Jack Ma hat nichts dagegen, dass man ihn in aller Öffentlichkeit verrückt nennt. Für ihn zählt der Zustand des positiven Verrücktseins zu einer Voraussetzung des Erfolgs. Zu Beginn seiner Selbstständigkeit zitierte Jack Ma oft den ehemaligen Intel-Chef Andy Grove: "Nur die Paranoiden überleben." Jack Ma wurde 1964 in Hangzhou in eine ganz normale Familie geboren. Sein Vater war Fotograf, seine Mutter Fabrikarbeiterin.

Schon als Kind begeisterte er sich für englische Sprache und Literatur, las zum Beispiel Mark Twains Die Abenteuer des Tom Sawyer. Er wuchs in der Zeit auf, als die ersten Touristen in das Reich der Mitte kamen. Auch Hangzhou, die alte Kaiserstadt, stand bei vielen dieser Besucher aus dem Ausland auf der Liste.

Morgens in aller Frühe stieg er auf sein Fahrrad und radelte 40 Minuten ins Hangzhou Hotel, um dort ausländische Touristen zu treffen. Er zeigte ihnen Hangzhou und lernte dabei Englisch by speaking. In Englisch war er deswegen ein guter Schüler, aber in Mathematik war er schlecht. Dreimal musste er deshalb das Gaokao wiederholen, die Abschlussprüfung, die vergleichbar mit dem Abitur ist. Und weil auch nach dem dritten Male seine Noten nicht die besten waren, reichte es nur zum Englischstudium am nicht besonders renommierten Hangzhou Teachers College.

Er verdingte sich zunächst mehr schlecht als recht als Lehrer und Übersetzer. Einer dieser Jobs führte ihn im Jahr 1994 zu seiner ersten Reise in die USA. Malibu, Las Vegas und schließlich Seattle waren die Stationen. In Seattle, im Hause von Dave und Dolores Selig, kam er zum ersten Mal in Berührung mit einem Computer und dem Internet. Er war begeistert. Beim Rückflug hatte er einen Computer mit einem Intel-486-Prozessor im Gepäck.

Diese US-Reise war prägend für ihn und letztlich der Auslöser für eine Erfolgsstory ohnegleichen.

Jack Ma liest gerne und viel. Er redet immer frei, wenn es sein muss in bestem Englisch. Dabei macht er Späßchen und Witze.

Auch über sich selbst. "Ich habe ein einzigartiges und hässliches Gesicht. Deshalb erkennen mich die Leute." Er kokettiert mit seinen Unzulänglichkeiten: Sollte er mal ein Buch schreiben, würde er es "Alibaba und seine 1001 Fehler" nennen. Und: "Ich verstehe immer noch nicht die Technologie hinter dem Internet", sagte er an der Stanford University.

Ma hält viele Vorträge, trifft viele große Namen. Das war nicht immer so. Rückblende: Internet World 2000 auf dem Messegelände in Berlin. Jack Ma hielt einen Vortrag. Drei Zuschauer verirrten sich in den sehr großen Raum. Wenn er heute nach Berlin kommt, empfängt ihn die Kanzlerin. Die Großen dieser Welt suchen seine Nähe - und umgekehrt. Er diniert mit Leonardo DiCaprio, Bono und den Chefs von Coca-Cola und JP Morgan in Davos. Bill Clinton ist fast regelmäßiger Gast bei Alibaba-Events, Barack Obama nahm sich am Rande des G20-Gipfels Zeit für einen Plausch mit Jack, und kaum war Donald Trump im Amt, traf er sich mit Crazy Jack. Mit Trump-Tochter Ivanka war er bereits in Washington Abendessen, ebenso mit Handelsminister Wilbur Ross.

Jack Ma - der Tausendsassa. Heute hier, morgen dort.

Das Vagabundieren durch die Promiwelt kann er sich leisten. Denn im Mai 2013 trat er als CEO von Alibaba zurück. Inszeniert und zelebriert im Stadion von Hangzhou. Es regnete in Strömen. 35.000 Zuhörer, alles Aliren, waren da. Jack trat in einem glänzenden silbernen Jackett auf, dazu schwarzer Hut und eine große Brille. Begleitet von einer Band - alles Alibaba-Beschäftigte - trällerte er zwei Lieder: I love you China und Friends. Danach hielt er seine Abschiedsrede: "Ab morgen will ich das Leben genießen. Ich will Dinge tun, die mich interessieren, zum Beispiel Bildung und Umweltschutz." Aber jetzt wolle er erst einmal drei Monate schlafen.

Das hat er natürlich nicht gemacht. Der kleine Mann denkt weiterhin groß. Manches klingt größenwahnsinnig, aber wenn man sieht, was Alibaba schon alles erreicht hat, sollte man vielleicht vorsichtiger mit so einem Urteil sein. "Wir müssen größer als Walmart werden. Einige werden sagen, dass sei verrückt. Aber eines ist sicher: Wenn du keine Ziele hast, erreichst du nichts." Sein ganz großes Ziel ist, dass kleine Unternehmen aus aller Welt über Alibabas Plattform Handel treiben. Er nennt es The Electronic World Trade Platform (eWTP). Bis 2036 will er so zwei Milliarden Kunden erreichen und Billionen von Dollar umsetzen. Dann wäre Alibaba die fünftgrößte Wirtschaftsnation hinter den USA, China, Japan und der EU.

Und läge weit vor dem großen Lokalrivalen Tencent.

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