08.06.2018  Handelsstreit beim G7 Gipfel

"Die USA haben deutlich mehr zu verlieren als die EU und Deutschland"

G7-Gipfel in Kanada: Gipfel der Streitigkeiten
DPA
G7-Gipfel in Kanada: Gipfel der Streitigkeiten

Vor dem G7 Gipfel hat US-Präsident Donald Trump angekündigt, er werde für die USA "kämpfen". Fakt ist: Der US-Präsident hat mehr zu verlieren, als er zugeben mag.

mm.de: Während des G7-Gipfels stehen die Zeichen auf Konfrontation. Sofern der Handelsstreit eskalieren sollte - welche Auswirkungen hätte das auf deutsche Unternehmen? Welche Branchen sind besonders betroffen?

Andreas Glunz: Wenn der Handelsstreit sich weiter ausweitet, kann das unter Umständen eine spürbare Belastung für deutsche Unternehmen darstellen. Schließlich sind die USA Deutschlands größter Handelspartner, wenngleich mit neun Prozent der deutschen Exporte auch keine Abhängigkeit von den USA besteht. Welche Branchen in welchem Maße betroffen sein würden, hängt aber von den kommenden Entwicklungen ab. Im Augenblick geht es ja um Stahl und Aluminium und da sind deutsche Hersteller aufgrund der hohen Produktqualität, dem Angebot von Spezialstahlen und der starken Nachfrage aus den USA gut aufgestellt.

Andreas Glunz

Es drohen aber auch Zölle auf deutsche Automobile. Das würde die deutsche Automobil- und letztendlich auch die Automobilzulieferer durchaus empfindlich treffen. Was man zudem sicher sagen kann, ist, dass das Vorgehen der USA für Irritationen und Unsicherheit in der deutschen Wirtschaft sorgt. Dennoch verzeichnen die deutschen Unternehmen in den USA aktuell weiterhin sehr gute Ergebnisse und nur sehr vereinzelt werden geplante Investitionen in den USA jetzt zurückgestellt.

Marko Gründig: Die EU hat bereits mit einer Verordnung vom 16. Mai 2018 Gegenmaßnahmen vorbereitet, um in einer ersten Stufe mit zusätzlichen Zöllen auf US-Waren den Zöllen der USA entsprechend entgegen zu wirken. In einer zweiten Stufe ist in der Verordnung bereits ebenso geregelt, dass Einfuhrzölle von 10 bis hin zu 50 Prozent für weitere US-Waren angewandt werden könnten. Das kann als deutliches Zeichen der EU gewertet werden, dass die Europäische Union zu konsequenten Gegenreaktionen bereit ist.

mm.de: Beim G7 Treffen will die EU eine gemeinsame Front mit Japan und Kanada bilden. Wie groß sind die Chancen, Trump auf diese Weise von seinem Unilateralismus abzubringen?

Marko Gründig

Marko Gründig: Eine gemeinsame Front von EU, Japan und Kanada ist sicher sinnvoll, um effektiv verhandeln zu können. Dennoch kann jeder Handelsstreit am Ende nur durch Kommunikation aus der Welt geschafft werden. Ein Hochschaukeln von Zöllen und eine Verhärtung der Fronten ist keine Lösung. Die G7-Staaten sind aufeinander angewiesen, außerdem verbindet sie mehr als nur wirtschaftliches Interesse. Sie teilen ja auch grundlegende Werte und dazu zählt eben auch der Handel.

Andreas Glunz: Fakt ist, die USA haben deutlich mehr zu verlieren als die EU und Deutschland, wenn nicht nur der Handel mit Gütern, sondern auch Dienstleistungen und das Primäreinkommen einbezogen werden. Die Gegenmaßnahmen der Europäischen Union stellen für die amerikanische Politik gezielte Nadelstiche in jenen amerikanischen Bundesstaaten dar, die für die gegenwärtige amerikanische Regierung am wichtigsten sind.

Ob auf diese Warnungen eingegangen wird und dies zu einer schnellen und konstruktiven Lösung der Situation führen wird, muss sich zeigen. Trudeau, Macron und Merkel haben sich ja im Vorfeld sehr deutlich geäußert und bei den Äußerungen von Trumps Wirtschaftsberater war zuletzt wenig Entgegenkommen zu spüren. In Whistler ist mit einer spürbar kühlen Stimmung zu rechnen.

mm.de: Welche Handlungsoptionen haben deutsche Unternehmen in dieser wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung? Könnte ein eskalierender Handelsstreit auch zu mehr Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in den USA führen?

Andreas Glunz: Wichtig ist jetzt erst einmal, Ruhe zu bewahren und die Situation nüchtern zu betrachten. Die transatlantische Freundschaft und das viele Jahrzehnte gepflegte politische und wirtschaftliche Bündnis zwischen Deutschland und den USA wird auch diese Bewährungsprobe überstehen. Für deutsche Unternehmen geht es jetzt darum, das bestehende US-Geschäft soweit möglich aufrechtzuerhalten und zu sichern - Stichwort: business as usual - geplante Investitionen aber zu hinterfragen und prospektiv Kostensenkungspotentiale in den eigenen Prozessen zur Kompensation der voraussichtlichen Mehrkosten zu erhalten. Zudem sollten bislang vernachlässigte Zielmärkte parallel stärker in den Fokus geraten, wozu ich definitiv Afrika, Südamerika und die MESA-Region zähle.

mm.de: Welche Mittel hätte die EU, um außerhalb der WTO und neuen Zöllen den Druck auf die USA zu erhöhen? Auch verschärfte Datenschutz- oder Besteuerungsregeln könnten großen US-IT-Unternehmen weh tun. Für Sie ein gangbarer Weg?

Marko Gründig: Hier muss klar sein, worum es geht. Wirtschaftsunternehmen können und sollen nicht die Rolle von politischen Akteuren übernehmen. Am Ende verhandeln in Whistler ja nicht Facebook, Google oder Microsoft. Insofern kann der Handelsstreit nur politisch gelöst werden. Aber natürlich hat die Datenschutzgrundverordnung gezeigt, dass europäische Regelungen spürbaren Einfluss auf amerikanische Unternehmen haben können - und so etwas dürfte auch in der Politik ankommen.

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