31.01.2019 
"Erhöhtes Risiko" von Bestseller-Autor Michael Lewis

Trump und die heimlichen Helden der US-Regierung

Von
Bestsellerautor Michael Lewis
REUTERS
Bestsellerautor Michael Lewis

Am Tag, als Donald Trump erstmals seine Fühler ins US-Energieministerium ausstreckt, ist Elizabeth Sherwood-Randall schockiert. Thomas Pyle heißt der Mann, den die stellvertretende Ministerin und ihr Chef, Minister Ernest Moniz, über die Aktivitäten ihrer Behörde informieren sollen. Doch Pyle scheint nicht sonderlich interessiert an der Einrichtung mit gut 30 Milliarden Dollar Budget zu sein: "Er hatte nicht einmal etwas zu schreiben dabei. Er hat keine Fragen gestellt. Eine Stunde lang war er da, dann ist er wieder abgerauscht. Das war's."

Dabei verantwortet das Energieministerium (Department of Energy, DoE) weit mehr, als sein Name vermuten lässt. DoE-Beamte arbeiten in aller Welt daran, dass atomwaffenfähiges Material nicht in die Hände von Terroristen gelangt; sie säubern auf Jahrhunderte verstrahlte ehemalige Testgelände, Relikte des Kalten Krieges; und sie unterstützen Forschung an regenerativen Energien mit Milliarden.

Buchtipp
campus

Michael Lewis
Erhöhtes Risiko



Campus Verlag, 224 Seiten, gebunden, Januar 2019, 24,95 Euro

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Die Ignoranz von Menschen wie Thomas Pyle steht für Bestseller-Autor Michael Lewis stellvertretend für die gesamte US-Regierung unter Donald Trump. Dessen generelles Desinteresse an den inhaltlichen Schwerpunkten seiner Ministerien stellten eine große Gefahr für die Vereinigten Staaten und ihre heimlichen Helden aus der Verwaltung dar - das ist die Kernthese von "Erhöhtes Risiko", Lewis' neuestem Buch, das jüngst auch in deutscher Sprache erschienen ist.

Kurzfristige Lösungen für langfristige Bedrohungen

Der 58-Jährige schreibt seit Jahren Bestseller über mehr oder minder spröde Themen - über Datenanalyse im Sport ("Moneyball", 2003), über Hochgeschwindigkeitshandel an den Börsen ("Flash Boys" 2014) oder über Kreditausfallversicherungen in der Finanzkrise 2007 ("The Big Short", 2010). Nun wendet sich Lewis drei in der öffentlichen Wahrnehmung eher unterrepräsentierten US-Ministerien zu - dem Energie-, Landwirtschafts- und Handelsministerium - und macht dort das, was Trump und Konsorten seiner Meinung nach versäumt haben: fragen, was die Beamten umtreibt, wie sie arbeiten, wovor sie sich fürchten.

"Erhöhtes Risiko" ist einerseits ein typisches Lewis-Buch: In bewährter Manier erschließt der Autor dröge Themen über seine Protagonisten. Im Energieministerium ist es etwa John MacWilliams, ein ehemaliger Investmentbanker, der Lewis die aus seiner Sicht größten Gefahren für das Land erzählt. Die Nummer fünf seiner Liste (nach verlorenen Atomwaffen, Nordkorea, Iran und Cyberterrorismus) ist es denn auch, die dem Buch seinen englischen Titel "The fifth risk" beschert: "Projektmanagement", was Lewis als das Risiko erklärt, "das entsteht, wenn es sich eine Gesellschaft zur Gewohnheit macht, langfristigen Bedrohungen mit kurzfristigen Lösungen zu begegnen."

Ein Buch - und kein Todesopferzähler

Andererseits unterscheidet sich "Erhöhtes Risiko" auch merklich von Lewis' vorherigen Büchern. Jedem Ministerium widmet der Autor ein Kapitel, entsprechend kommt man seinen Protagonisten längst nicht so nah wie etwa den Investoren Steve Eisman und Michael Burry in "The Big Short".

"Erhöhtes Risiko" wirkt fast wie ein Schulbuch, das Amerikaner über die Vorzüge ihrer Regierung aufklären soll - oder wie eine Checkliste, um die Regierungsarbeit des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten kritisch zu überprüfen. Und auch wenn deutsche Leser mangels persönlicher Betroffenheit wohl nicht zum gleichen Schluss wie die "New York Times" kommen, deren Rezensent das Buch als "ambitioniertestes und wichtigstes Werk" im Lewis'schen Oeuvre würdigt - lehrreich und spannend zu lesen ist es allemal.

Dabei hatte Lewis eigentlich ein ganz anderes Denkmal für die Regierung Trump vorgesehen, sagte er jüngst im Gespräch mit dem "Spiegel": Nach einer Hüftoperation habe er, vollgepumpt mit Schmerzmitteln, "einen Trump-Todesopferzähler am Times Square" geplant, der all diejenigen Menschen registrieren sollte, "die sterben, weil er die Krankenversicherung kaputt macht. Oder Kinder, die sterben, weil er die Grenzen dichtmacht." Irgendwann habe er dann aber selbst realisiert, dass so eine Zuschreibung Blödsinn sei - und sich dann lieber an Fakten gehalten.

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