09.03.2018 
Chinas Bosse - Teil 3

Der undurchsichtige Herr Chen von der HNA

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 Kein "einfaches" Leben: HNA-Chef Chen Feng, der so rätselhaft und undurchsichtig wirkt wie die HNA-Gruppe selbst, beschreibt sein Kaufverhalten, als stünde er auf dem Wochenmarkt: "Du siehst so viel frisches Gemüse, du probierst und kaufst dieses und jenes."
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Kein "einfaches" Leben: HNA-Chef Chen Feng, der so rätselhaft und undurchsichtig wirkt wie die HNA-Gruppe selbst, beschreibt sein Kaufverhalten, als stünde er auf dem Wochenmarkt: "Du siehst so viel frisches Gemüse, du probierst und kaufst dieses und jenes."

Geely-Chef Li Shufu sorgt derzeit mit seinem Einstieg bei Daimler für Schlagzeilen. Doch nicht nur die Autohersteller bekommen den wachsenden Einfluss von Chinas mächtigen Bossen zu spüren. mm-Reporter Wolfgang Hirn beschreibt in seinem neuen Buch unsere unbekannten Konkurrenten. Lesen Sie im 3. Teil unserer Serie das Porträt über Chen Feng, den Chef des Deutsche-Bank-Großaktionärs HNA. 

Die 38-stöckige Hauptverwaltung der HNA Group hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem ruhenden Buddha. Kein Zufall: Hausherr Chen Feng, der Gründer der Gruppe, ist Buddhist. "Ich führe ein einfaches Leben", sagte er vor ein paar Jahren der South China Morning Post, "ich trinke nicht, rauche nicht, gehe nicht zu Banketten, zum Karaoke oder Massagen."

Entweder ist seine Definition von einfachem Leben etwas anders, als gemeinhin so angenommen wird, oder es hat bei ihm in den vergangenen Jahren ein Sinneswandel stattgefunden.

Er fliegt mit einem Privatjet der Marke Gulfstream 550 durch die Gegend. Die Gruppe hat auch eine Boeing 787 Dreamliner, die für 100 Millionen Dollar mit viel Liebe zu teuren Details umgebaut wurde: Baderäume aus Marmor, Besteck von Hermes, Leuchter von Baccarat. Sie wird auf Dienstreisen benutzt, aber auch an reiches Klientel vermietet.

Ach ja, eine ganze Etage (die 86.) im luxuriösen One57 Tower (Spitzname: The Billionaire Building) in New York mit freiem Blick auf den Central Park gehört auch noch zu den Räumlichkeiten, in denen Chen Feng sein einfaches Leben genießt.

Ende Juni 2017 feierte er in Paris seinen 64. Geburtstag im Petit Palais. Sie delektierten sich an Lobster und kandierter Ente, zubereitet von Spitzenkoch Joël Robuchon. Dazu gab es Vorstellungen der Peking Oper. Ein paar Wochen später wurde wieder jubiliert, diesmal in London. Grund: HNA war auf Platz 170 unter den Forbes 500 geklettert. Zum Abendempfang im Hampton Court Palace kamen die ehemaligen Regierungschefs David Cameron und Nicolas Sarkozy.

Wolfgang Hirn
Chinas Bosse: Unsere unbekannten Konkurrenten

Campus Verlag, 284 Seiten, gebunden, Februar 2018, 26.00 Euro

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Es war für Chen Feng (1953) ein weiter Weg ins westliche Establishment. Er ist in Beijing als Sohn eines Parteifunktionärs aufgewachsen. Zu Zeiten der Kulturrevolution diente er in der Volksbefreiungsarmee in der Luftwaffe. Nachdem der maoistische Spuk vorbei war, arbeitete er erstmals in der Luftverkehrsbehörde. Während dieser Zeit, Mitte der 80er Jahre, bekam er auch ein Stipendium im Lufthansa-Schulungszentrum in Seeheim. Es folgten ein paar Bürokratenjobs auf der chinesischen Tropeninsel Hainan.

Dort wollte die Provinzregierung eine eigene Fluglinie aufbauen. Man wollte die Insel, die auf der Höhe des nördlichen Vietnams liegt, als Touristenziel aufbauen. Eine kluge Idee, denn Hainan hat schöne Strände und die dazu passenden Temperaturen. Eine eigene Airline könnte - so das sinnvolle Kalkül - hilfreich sein. Leider setzte die Regierung das Projekt in den Sand, rief aber noch rechtzeitig Chen Feng um Hilfe.

Er gründete 1993 Hainan Airlines, startete mit einer Boeing 737. 1995 schon flog die junge Airline in die ersten Turbulenzen. Liquiditätskrise. Die lokale Regierung wollte nichts zuschießen, erlaubte aber Chen, dass er nach ausländischen Geldgebern suchen dürfe. 1995 flog er nach New York, trieb sich drei Monate an der Wall Street herum, bis er schließlich bei George Soros vorsprach und diesen überzeugen konnte, 25 Millionen Dollar in die Airline zu investieren. Das war der Durchbruch. Mit einem solch renommierten Investor im Rücken konnte er weitere Investoren gewinnen (Soros stieg übrigens 2011 mit einem guten Schnitt wieder aus).

Heute ist Hainan Airlines eine respektierte, mit vielen Preisen überhäufte Airline. Sie ist die einzige private Fluglinie Chinas, die mit den drei großen staatlichen Carriern mithalten kann. (Sie fliegt übrigens direkt Berlin-Beijing.) So weit - so gut. Eine respektable Erfolgsstory eines Highflyers.

Auch die nächsten Schritte des Unternehmens waren nachvollziehbar. Der Kauf von Caterern (Gategroup), Duty-free-Shops (Dufry), Flughäfen (unter anderen Frankfurt-Hahn und Rio de Janeiro) und Hotels (Hilton, Radisson) ließ sich noch unter dem Thema Tourismus fassen. Auch die Ein-Milliarden-Dollar-Übernahme der Logistikgruppe CWT in Singapur hat ja noch etwas mit dem Stammgeschäft einer Airline zu tun.

Aber dann wurde es unverständlich. Fragen über Fragen gilt es zu stellen ...

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