30.11.2018 
G20-Gipfel im Krisenland Argentinien

Welt zu Gast in der Wirtschaftskatastrophe

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Absperrung vor dem G20-Gipfel im Zentrum von Buenos Aires
REUTERS
Absperrung vor dem G20-Gipfel im Zentrum von Buenos Aires

Die Probleme, die Angela Merkel mit dem Regierungsflieger auf dem Weg zum G20-Gipfel hatte, werden schnell verblassen, wenn die Bundeskanzlerin Buenos Aires erreicht. Selten war ein G20-Gipfel so konfliktgeladen - keine Spur mehr von der Weltregierung, die in den Obama-Jahren eine harmonische Antwort auf die globale Finanzkrise suchte.

Und selten bot der Gipfelort selbst so tiefen Einblick in die wirtschaftlichen Probleme der Welt. Als Buenos Aires Mitte 2017 zur ersten Gastgeberstadt in Südamerika erkoren wurde, schien noch eine Erfolgsstory zu locken: Der 2015 überraschend gewählte liberale Präsident Mauricio Macri, wie US-Kollege Donald Trump von Haus aus Bauunternehmer, führte den linksnationalistischen Pariastaat der Märkte mit Steuersenkungen und der Abschaffung von Kapitalkontrollen zurück in die Reihen des finanziellen Establishments.

Genau diese Mischung jedoch erwies sich als fatal. Macris Politik trieb die Schulden vor allem gegenüber dem Ausland hoch und ließ für Kapitalflucht alle Türen offen - was schon wegen der in den USA wieder steigenden Zinsen auch in anderen Schwellenländern passiert. In Argentiniens Fall kam in diesem Jahr jedoch noch eine historische Dürre hinzu, die zu einer Missernte der wichtigen Exportgüter Mais und Soja führte - die Mischung war perfekt, um Landeswährung Peso und die Wirtschaft in eine Abwärtsspirale zu schicken.

Heute besucht IWF-Präsidentin Christine Lagarde Macri als ihren Schuldner Nummer eins: Der Währungsfonds stützt Argentinien seit Juni mit einem Kredit von 57 Milliarden Dollar, dem größten seiner Geschichte. Wenige Tage vor den Staats- und Regierungschefs reisten Fachleute des IWF nach Argentinien und meldeten am Montag, dass alles nach Plan laufe.

Das bedeutet jedoch auch, dass sich die Wirtschaftskrise vorerst weiter verschärft. Im zweiten Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt um 4,2 Prozent. Den stärksten Rückgang lieferte der Agrarsektor, der zwar nur gut 5 Prozent der Volkswirtschaft ausmacht, aber zu den wichtigsten Stützen der schwachen Handelsbilanz zählt. Auch Industrie und Einzelhandel stecken in der Rezession, Arbeitsplätze schwinden rapide, das Bild der Städte wird zunehmend von Obdachlosen und Suppenküchen geprägt - außer wenn sie großflächig geräumt werden, wie Buenos Aires für den G20-Gipfel.

Der argentinische Peso schlägt sogar noch die türkische Lira als die Währung, die in diesem Jahr am meisten Wert gegenüber dem US-Dollar verloren hat. Zu Jahresbeginn kostete ein Dollar 18 Pesos, heute müssen dafür schon 38 Pesos bezahlt werden.

Die Folge: Die Inflationsrate stieg im November auf 45,9 Prozent. Als der IWF im Juni zu Hilfe eilte, lag sie noch unter 30 Prozent. Die Zentralbank antwortet darauf mit einem Weltrekord-Leitzins von 60,75 Prozent - zusätzliches Gift für Konsum und Investitionen. Doch direkt gegen den Währungsverfall, die Ursache der steigenden Preise, vorzugehen führt angesichts der schrumpfenden Devisenreserven nicht weit.

Ein Großteil der vom IWF seit Juni ausgezahlten 15 Milliarden Dollar ist bereits im Kampf um den Wechselkurs verpufft. Mit der ersten Kreditrate im Juni wurden die Devisenreserven der Zentralbank nur auf den Stand aufgefüllt, den sie im April hatten - und dieses neue Polster war im September schon wieder weg.

Einen Erfolg sehen die IWF-Emissäre darin, dass das Parlament Mitte November den Staatshaushalt für 2019 verabschiedet hat. Wie von Washington gefordert, soll der Haushalt binnen Kürze ausgeglichen werden, um den Kreditbedarf zu senken. Das jedoch bedeutet, die Ausgaben um 400 Milliarden Pesos zu kürzen, ein Fünftel des Etats für dieses Jahr.

Auch aus IWF-Sicht gelten diese Kürzungen als rezessionsverschärfend - aber leider notwendig. Fraglich, ob sich das so durchsetzen lässt. Die Opposition der Gewerkschaften ist der argentinischen Regierung ohnehin sicher. Wegfallende Treibstoffsubventionen und eine neue Exportsteuer treffen aber vor allem die Agrarlobby, die Macris liberale Wende einst besonders gefördert hat.

Einige Teile der IWF-Auflagen zielen nur auf ein besseres makroökonomisches Management. So wurde der Zentralbank eine klarere Kommunikation verordnet. Am Devisenmarkt will sie jetzt erst wieder eingreifen, wenn mehr als 40 Pesos für einen Dollar gezahlt werden müssen. Aktuell hält sich der Markt knapp unterhalb dieser Schwelle - wegen der IWF-Milliarden im Rücken könnte die Zentralbank eine Weile durchhalten, was dafür sorgen soll, dass die Schwelle gar nicht erst getestet wird. Wenn doch, wäre eine Eskalation wie beim vorigen Einsatz des Fonds in Argentinien um die Jahrtausendwende jedoch schnell da.

Mitte 2019, sagt der IWF voraus, werde die argentinische Wirtschaft wieder zu wachsen beginnen - vorausgesetzt, es kommt dann keine neue Dürre.

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