09.10.2017  Nobelpreis für US-Verhaltensökonomen Richard Thaler

Thaler will sein Preisgeld "so unvernünftig wie möglich" ausgeben

Die goldene Medaille, die mit dem Wirtschafts-Nobelpreis vergeben wird , geht 2017 an Richard Thaler. Das Preisgeld von rund 940.000 Euro will Thaler, getreu seiner Forschung, so unvernünftig wie möglich ausgeben
DPA/The Nobel Foundation
Die goldene Medaille, die mit dem Wirtschafts-Nobelpreis vergeben wird , geht 2017 an Richard Thaler. Das Preisgeld von rund 940.000 Euro will Thaler, getreu seiner Forschung, so unvernünftig wie möglich ausgeben

Der US-Verhaltensökonomen Richard Thaler erhält den Nobelpreis für Wirtschaft. Seine Arbeit habe eine Brücke geschlagen zwischen den wirtschaftlichen und psychologischen Analysen der Entscheidungsprozesse von Individuen, begründete die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Montag in Stockholm die Entscheidung.

"Seine empirischen Befunde und theoretischen Einsichten waren maßgeblich für die Schaffung des neuen und schnell wachsenden Gebiets der Verhaltensökonomie, die einen tiefgehenden Einfluss auf viele Bereiche der wirtschaftlichen Forschung und Politik gehabt hat." Thaler arbeitet an der University of Chicago.

"Ökonomen sind menschlich" - das ist nach Ansicht von Richard Thaler die wichtigste Erkenntnis aus seiner Forschung. "Wirtschaftliche Modelle müssen das berücksichtigen", sagte der US-Forscher am Montag in einem Telefongespräch mit der Königlich-Schwedischen Wissenschaftsakademie in Stockholm.

Die Akademie hatte den 72-Jährigen in Chicago aus dem Bett gerissen, um ihn über seine Auszeichnung zu informieren. Sein erster Gedanke sei gewesen, dass er seinen Freund Eugene Fama jetzt nicht mehr "Professor" nennen müsse, meinte Thaler. Fama hatte 2013 den Wirtschafts-Nobelpreis gewonnen.

Thaler will das Preisgeld "so unvernünftig wie möglich ausgeben"

Nach dem Preisgeld von umgerechnet rund 940.000 Euro gefragt, sagte Thaler scherzend, eines seiner Spezialgebiete sei die "geistige Buchhaltung". Deshalb könne er nicht laut beantworten, was er damit anfangen werde. Er werde "versuchen, es so unvernünftig wie möglich auszugeben". Thaler wurde für die Erforschung von psychologischen Entscheidungen hinter wirtschaftlichen Entscheidungen ausgezeichnet.

In der Fachwelt erhielt die Akademie für ihre Entscheidung Beifall. "Richard Thalers Forschung ist hochaktuell und bietet nicht nur neue Einsichten, sondern auch praktische Lebenshilfen", sagte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest. "Er hat in seiner Forschung gezeigt, dass Menschen häufig nicht vollständig rational handeln, sondern eher einfachen Entscheidungsregeln folgen."

Als Beispiel nannte Fuest einen Taxifahrer, der als generelle Regel so lange fährt, bis er einen bestimmten Umsatz erreicht an. An Tagen mit hoher Nachfrage höre er früher auf, an Tagen mit schwacher Nachfrage dagegen später. "Wenn viele Fahrgäste gerne ein Taxi hätten, wird das Angebot verknappt, und wenn wenige Gäste da sind, steigt das Angebot", erklärte Fuest. "Genau das Gegenteil wäre notwendig."

Thaler spielt sich selbst in Hollywood

Mit seiner Arbeit hat es der 72-Jährige bis nach Hollywood geschafft. In dem Film "The Big Short" - in dem es um das Entstehen der Finanzkrise 2007/08 geht - spielte Thaler in einem Kurzauftritt sich selbst. Gemeinsam mit Selena Gomez erklärt er dabei in einem Spielcasino, wie das Geschäft mit synthetischen "Collateralized Debt Obligations" (CDO) die Finanzkrise befeuerte, die die Weltwirtschaft in ihre schwerste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs stürzte.

Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries findet die Preisverleihung an Thaler ebenfalls gerechtfertigt. "Seine Forschungsleistung im Bereich Verhaltensökonomik wurde zurecht geehrt und verdeutlicht, dass sich die ökonomische Forschung zunehmend den Erkenntnissen der Psychologie und anderen Disziplinen öffnet", sagte sie. Die Erkenntnisse der Verhaltensökonomik würden auch für die wirtschaftspolitische Analyse immer wichtiger. "Denn die Wahrnehmungen von Fairness oder Selbstbeherrschung haben Einfluss auf unser wirtschaftliches Handeln."

Nobelpreisträger Richard Thaler: "Ökonomen sind menschlich"
DPA
Nobelpreisträger Richard Thaler: "Ökonomen sind menschlich"

Der Nobelpreis im Fach Wirtschaftswissenschaften wird seit Ende der 60er Jahre verliehen. Er wird von der schwedischen Notenbank gestiftet und ist mit neun Millionen Kronen (etwa 900.000 Euro) dotiert.

Im vergangenen Jahr hatten der US-Amerikaner Oliver Hart und der Finne Bengt Holmström den Nobelpreis für Forschungen zu Vertrags-Konstruktionen erhalten. Ökonomen aus den Vereinigten Staaten dominieren die Auszeichnung seit der ersten Verleihung 1969. Nur ein Deutscher wurde bisher geehrt: der Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten im Jahr 1994.

Streng genommen ist der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft gar kein Nobelpreis. Er geht zumindest nicht auf den letzten Willen von Dynamit-Erfinder Alfred Nobel (1833-1896) zurück. Der Schwede hatte in seinem Testament nur Preise für Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden genannt. Den Wirtschaftspreis stiftete die schwedische Reichsbank in Erinnerung an ihn 1968.

Seitdem wurden vor allem Ökonomen aus den Vereinigten Staaten ausgezeichnet - 2016 ging der Preis an einen US-Amerikaner und einen Finnen. Nur ein Deutscher hat die Auszeichnung bisher bekommen: Der Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten im Jahr 1994.

Der Wirtschaftspreis ist wie die traditionellen Nobelpreise auch mit neun Millionen schwedischen Kronen (rund 940.000 Euro) dotiert. Er wird am 10. Dezember - Nobels Todestag - in Stockholm überreicht.

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