27.06.2017  Aufgepumpte Finanzmärkte

Das Alarmsignal der Ober-Notenbanker

Eine Meinungsmache von Daniel Stelter
In diesem Turm herrscht Vernunft: Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.
In diesem Turm herrscht Vernunft: Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.

Daniel Stelter

Alle Jahre wieder warnt die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Notenbank der Notenbanken, vor den verheerenden Folgen der heutigen Geldpolitik. So auch im neuesten Bericht, der in dieser Woche erschienen ist. Und wie von mir schon in der Vergangenheit prognostiziert, gehen auch diesmal die Adressaten des Warnrufs, die verantwortlichen Notenbanker und Politiker, nach der Methode vor: "Gelesen, gelacht, gelocht."

Doch lange dürfte das Spiel nicht weitergehen. Wie die BIZ zu Recht deutlich ausführt, haben wir nichts, aber auch wirklich gar nichts aus der Finanzkrise gelernt. Diese war nicht die Folge von Problemen einzelner Banken: Die Finanzkrise war Folge von Exzessen in der amerikanischen Immobilienfinanzierung und Letztere war schon gar nicht die Folge der Pleite von Lehman Brothers. All dies waren nur Symptome für eine viel tiefergehende Problematik.

Über Jahrzehnte haben wir ein immer größeres Rad mit immer mehr Schulden gedreht. Immer riskantere Geschäfte wurden mit immer weniger Eigenkapital und zu immer niedrigeren Zinsen betrieben. Die Notenbanken trugen daran entscheidende Mitschuld, weil sie auf jedes noch so kleine Problem in den Finanzmärkten mit noch mehr und noch billigerem Geld reagierten. Dies taten sie, um mit den Worten der BIZ zu sprechen, "asymmetrisch". Sie lockerten die Geldpolitik, strafften sie im Anschluss jedoch nur halbherzig. Das Signal an die Märkte war klar: "Tut was ihr wollt und macht euch keine Sorgen. Wir hauen euch im Krisenfall wieder raus."

Gefährlicher Finanzzyklus

Die Finanzkrise war und ist in Wahrheit eine Überschuldungskrise. Um diese zu bekämpfen, haben wir auf die alte, gefährliche Rezeptur gesetzt: noch mehr billiges Geld und noch mehr Schulden. Die Weltverschuldung - so rechnet die BIZ vor - liegt um immerhin 40 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) höher als vor zehn Jahren. Spitzenreiter ist China mit einem Anstieg um 191 Prozent. Doch auch Kanada (70 Prozent - kein Wunder, dass dort nun eine massive Immobilienblase aufgepumpt wurde, Frankreich (67), Japan (52), Korea (49), Großbritannien ( 36) und die USA (29), um nur eine Auswahl zu nennen, geben Anlass zur Sorge.

Diese Kombination aus Rekordverschuldung, niedrigem Wachstum und schwindendem Handlungsspielraum könnte die Welt in eine neue Krise stürzen, warnt die BIZ - und zwar auf genauso explosive Weise, wie in den Jahren zwischen 2007 und 2009. Der "Finanzzyklus" - so bezeichnet die BIZ die Schwankungen zwischen zunehmender Verschuldung und anschließender Krise - wird immer bedeutender und dominiert mittlerweile die realwirtschaftliche Entwicklung.

Immer mehr werden wir zum Spielball der Finanzmärkte. Steigt die Wachstumsrate der Verschuldung, verbessert sich die Stimmung an Börsen und in der Wirtschaft. Verlangsamt sich das Wachstum hingegen, drohen Crash, Rezession und Depression. Nur immer stärker steigende Dosen an Schulden können das System noch eine Runde weitertreiben. Dass dies nicht auf Dauer geht, leuchtet wohl allen ein - nur unseren Notenbankern und Politikern nicht. Scheuen sie doch nichts so sehr wie den kalten Entzug, der naturgemäß mit erheblichen Korrekturen an den Finanzmärkten und in der Realwirtschaft einhergehen würde.

Unproduktiv statt produktiv

Leser meiner Kolumnen wissen, dass in unserem Geldsystem neues Geld praktisch unbegrenzt durch das Bankensystem geschaffen wird - und zwar durch die Vergabe von Kredit. Daran ist solange nichts auszusetzen, wie die neuen Kredite zu produktiven Zwecken eingesetzt werden. Doch leider ist nicht nur die Verschuldung in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen, sondern zugleich der Anteil der unproduktiven Kredite explodiert. Ein guter Teil der neuen Verschuldung in den USA seit 2009 erfolgte beispielsweise im Unternehmenssektor, die durch durch immer höhere Hebeleffekte (Leverage) die Aktienkurse nach oben getrieben hat.

Die Investitionen in echte Anlagen stagnierten derweil auf tiefem Niveau. Kein Wunder, dass die jährliche Wachstumsrate der letzten zehn Jahre mit 1,3 Prozent so tief war, wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie entsprach ziemlich genau der Wachstumsrate, die die US-Wirtschaft nach 1929 verzeichnete, allerdings blieb uns der tiefe Einbruch und die dafür schnellere Erholung erspart.

Statt einer neuen großen Depression bekamen wir eine Depression in Zeitlupe, während zugleich die Finanzmärkte immer mehr aufgeblasen wurden. Doch auf Dauer kann dies nicht gehen.

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