31.08.2018 
Zeitenwende

Juncker will Zeitumstellung abschaffen

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kündigt noch einen Beschluss am Freitag an.
DPA
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kündigt noch einen Beschluss am Freitag an.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker will die Zeitumstellung in der EU zwischen Winter- und Sommerzeit kippen. Noch am heutigen Freitag wolle die EU-Kommission beschließen, die halbjährliche Zeitumstellung abzuschaffen. "Die Menschen wollen das, wir machen das" sagte Juncker im ZDF-"Morgenmagazin".

Bei einer EU-weiten Online-Umfrage hatte sich die überwältigende Mehrheit der 4,6 Millionen Teilnehmer dafür ausgesprochen, die Zeitumstellung aufzugeben. Die Ergebnisse waren im Laufe der Woche bereits durchgesickert.

Wenn die Kommission einen Gesetzesvorschlag zur Abschaffung der Zeitumstellung vorlegt, müssten EU-Parlament und EU-Staaten noch zustimmen. Am Ende werde die Abschaffung der Zeitumstellung "auch kommen", so Juncker.

Lesen Sie auch:

EU-Umfrage bietet Rückenwind für Gegner der Zeitumstellung

Die Online-Befragung war in Deutschland auf besonderes Interesse gestoßen. Von den 4,6 Millionen Teilnehmern kamen rund drei Millionen aus der Bundesrepublik. Den Auftrag zur Prüfung der Sommerzeit hatte das Europaparlament im Frühjahr erteilt.

In Deutschland gibt es die Sommerzeit seit 1980. Seit 1996 stellen die Menschen in allen EU-Ländern die Uhren am letzten Sonntag im März eine Stunde vor und am letzten Oktober-Sonntag wieder eine Stunde zurück. Eigentlich soll das Tageslicht besser genutzt und dadurch Energie gespart werden. Der tatsächliche Nutzen ist umstritten.

Aussagekraft der Umfrage umstritten

Allerdings sind an der Aussagekraft der Online-Befragung der EU Zweifel angebracht. Statistik-Professor Walter Krämer erklärte im Interview mit der Nachrichtenagentur AFP, dass "dergleichen Umfragen immer mit ganz großer Vorsicht zu genießen sind", so der Wissenschaftler. Schließlich handele es sich nicht um eine repräsentative Umfrage mit zufällig ausgewählten Bürgern, erläuterte Krämer, der an der Technischen Universität Dortmund Statistik lehrt und das Buch "So lügt man mit Statistik" veröffentlicht hat. Im Fall der Umfrage der EU-Kommission zur Zeitumstellung sei vielmehr davon auszugehen, "dass die Leute, denen das Thema wichtig ist, die sich ärgern, wenn die Uhr umgestellt wird, mitgemacht haben."

Menschen, die der Zeitumstellung positiv oder gleichgültig gegenüber stehen, hätten sich hingegen wahrscheinlich kaum beteiligt, sagte Krämer. Wenn Juncker und die EU-Kommission auf Grundlage dieser Umfrage eine Empfehlung zur Zeitumstellung abgeben, ist dies aus Krämers Sicht fragwürdig. "Bei anderen Leuten, die so etwas tun, würde man sagen, das sind Populisten", kritisierte der Wissenschaftler, der sich in seinen Publikationen immer wieder mit Irreführung durch Statistiken beschäftigt hat.

Viele Umfrage-Teilnehmer aus Deutschland

Krämer riet der Kommission, etwas Geld in die Hand zu nehmen und ein renommiertes Umfrageinstitut mit einer repräsentativen Befragung zu beauftragen. Nur so könne sie ein realistisches Stimmungsbild erhalten.

Die EU-Kommission hatte ihre "öffentliche Konsultation zur Sommerzeitregelung" am 4. Juli gestartet und am 16. August beendet. An der Internet-Umfrage beteiligten sich nach ihren Angaben 4,6 Millionen Menschen. Außer Privatpersonen durften auch Behördenvertreter, Unternehmen und Verbände teilnehmen. Medienberichten zufolge stammten gut drei Millionen Teilnehmer aus Deutschland.

Auch wegen der übermäßigen Beteiligung von Deutschen sei die Umfrage nicht repräsentativ für das Meinungsbild in den 28 EU-Staaten, gab Krämer zu bedenken. Außerdem seien bei der Online-Befragung Menschen ausgeschlossen gewesen, die kein Internet nutzen.

dpa/afp/akn

Mehr zum Thema