12.09.2018 
Europas Lehman-Desaster?

Italiens Schuldenkrise gefährdet den Euro

Eine Meinungsmache von Markus Schön
Vom Retter zum größten Risiko für den Euro: Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft Europas und steht für ungefähr ein Viertel aller Staatsschulden der Eurozone
DPA
Vom Retter zum größten Risiko für den Euro: Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft Europas und steht für ungefähr ein Viertel aller Staatsschulden der Eurozone

Die weltweite Finanzkrise des Jahres 2008 zeichnete sich schon einige Zeit vorher ab. Die damaligen Warnsignale wurden ignoriert. Schließlich konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Der Zusammenbruch einer mehr als 150 Jahre alten Investmentbank wie Lehman Brothers galt als unvorstellbar, weil er schließlich die gesamte Finanzwelt an den Rand des Abgrunds geführt hätte. Und doch geschah genau das. Der Absturz der gesamten Weltwirtschaft wurde nur durch engagiertes Vorgehen - insbesondere seitens der US-Notenbank - verhindert.

Markus Schön
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    Markus Schön ist Geschäftsführer der DVAM Vermögensverwaltung GmbH. Das Unternehmen beschäftigt sich mit der individuellen Vermögensverwaltung und dem strategischen Finanzmanagement auf überwiegend langfristiger, makroökonomischer Basis. Aktuell hat Markus Schön ein Buch über die Wirtschaftspolitik Donalds Trumps "Twittern zur Planwirtschaft" geschrieben.

Zehn Jahre später ist die Finanzwelt wieder in einer ähnlichen Situation. Die in Wahrheit nie gelöste Euro-Schuldenkrise schwelt noch immer weiter, nur dass es diesmal nicht Länder wie Griechenland oder Zypern geht, die man - entsprechenden politischen Willen vorausgesetzt - tatsächlich im Vorbeigehen hätte retten können. Diesmal geht es um Italien. Und da sieht die Lage völlig anders aus.

Vom Retter zum größten Risiko

Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft Europas und steht für ungefähr ein Viertel aller Staatsschulden der Eurozone. Bislang gehörte das Land zu den Rettern des Euro, weil es durch die Beteiligung an den Hilfspaketen dazu beitrug, Griechenland, Irland und Zypern vor dem Staatsbankrott zu bewahren. Solche Hilfsmaßnahmen wären unter der neuen, populistischen Regierung nur schwer vorstellbar.

Vor allem aber droht Italien gerade selbst, das Vertrauen der Kapitalmärkte zu verspielen. Die Zinsen für die richtungweisenden italienischen Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sind auf mehr als 3 Prozent pro Jahr förmlich explodiert. Noch betrifft dies vor allem die Besitzer solcher Papiere, doch dabei wird es nicht bleiben. Die neue italienische Regierung plant exzessive neue Staatsausgaben, und so wird es nicht allzu lange dauern, bis sich der Staat zu diesen deutlich höheren Zinsen refinanzieren muss. Dann steigt die Verschuldung sehr schnell Richtung 2,5 Billionen Euro oder 150 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.

Durch höhere Zinsen für neue Verbindlichkeiten UND die Refinanzierung alter Schulden kommt Italien in eine Abwärtsspirale, aus der sich selbst eine (zumindest auf dem Papier) leistungsstarke und vermögende Volkswirtschaft nicht alleine wird befreien können. Fragt sich nur: Wer soll dann noch helfen? Wirtschaftlich bedeutender als Italien sind im gemeinsamen Währungsraum nur noch Frankreich und Deutschland. Unabhängig vor der Frage, ob diese beiden Staaten sich eine solche Rettung politisch leisten könnten oder wollten, ist es zumindest bezogen auf Frankreich mehr als fraglich, ob dies wirtschaftlich überhaupt zu leisten wäre. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU droht gerade, mindestens in eine Stagnation abzurutschen, der französische Präsident Emmanuel Macron gilt politisch zunehmend entzaubert, seine Erfolge bleiben zumindest bisher überschaubar.

Die Machtlosigkeit der Notenbank

Eine mögliche Rettung Italiens durch die anderen Euro-Mitgliedsstaaten stünde daher auf sehr wackeligen Füßen. Entsprechend müsste die Europäische Zentralbank es richten - wieder einmal. Doch ausgerechnet in dieser konkreten Situation droht der Notenbank die Handlungsunfähigkeit, die teilweise selbst verschuldet ist. So wie die EZB 2008 viel zu spät auf die Krise reagiere, hat sie sich aus diesmal verschätzt und ihre expansive Geldpolitik zu lange fortgeführt. Mit ihrem Kaufprogramm von Staatsanleihen, das erst zum Jahresende 2018 auslaufen soll, hat sie faktisch keine Möglichkeit mehr, zusätzlich weitere italienische Staatsanleihen zu erwerben.

Die klassischen Instrumente des Leitzinses, der Mindestreserve oder Refinanzierungshilfen für Kreditinstitute dürften bei einer Zuspitzung der Situation in Italien ohnehin keine Hilfe sein. Schließlich sind die Zinsen für italienische Staatsanleihen explodiert, obwohl die EZB weiterhin im Alarmmodus "Alles tun, um den Euro zu retten" ist. Noch ist die Reaktion der Kapitalmarktteilnehmer kein Misstrauensvotum gegen die Notenbank, es ist aber ein Fingerzeig, dass sie die Grenzen der expansiven Geldpolitik an den Kapitalmärkten zunehmend wahrnehmen. Damit ist Italien auf dem Weg, Europas Lehman Brothers zu werden. Die Auswirkungen wären allerdings wesentlich dramatischer als bei der Bankenpleite vor zehn Jahren.

Es bleibt nur wenig Zeit zu handeln

Daher muss das vielleicht noch verbleibende Zeitfenster von ein bis zwei Jahren nun gesellschafts- und finanzpolitisch genutzt werden. Die Schritte müssen radikal sein, indem die EU entweder einen Weg definiert, das ohnehin in dieser Konstellation fragwürdige Projekt einer gemeinsamen europäischen Währung möglichst geordnet abzuwickeln. Oder indem eine wirkliche europäische Finanzunion schafft, durch die dann zwar die Schulden europäisiert werden, aber damit möglicherweise wieder ein Fokus auf die gemeinsamen europäischen Werte gerichtet wird.

Diesen Weg habe ichin meinem 2013 erschienenen Buch "Europa 2029 - Das Ende?" bereits skizziert. Leider muss man festhalten, dass seither keine wesentlichen Schritte in Richtung einer wirklichen Stabilisierung Europas unternommen wurden. Insofern muss ich - gerade mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Italien - meine damalige Einschätzung, der Euro könne noch länger als zehn Jahre fortbestehen, heute als zu optimistisch bewerten.

Markus Schön ist Geschäftsführer des DVAM Vermögensverwaltung GmbH und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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