15.07.2017  Woche der Zinswahrheit

Immer den Amis nach

Von Henrik Müller
EZB-Präsident Mario Draghi (rechts) mit US-Finanzminister Steven Mnuchin.
DPA
EZB-Präsident Mario Draghi (rechts) mit US-Finanzminister Steven Mnuchin.

Draghi und die Börsen: Diese Woche wird die EZB über ihren weiteren Kurs entscheiden. Nervosität macht sich breit: Zieht die Inflation an? Steigen die Zinsen? Ein Blick in die USA könnte etwas Klarheit schaffen.

Es gibt Zeiten, da hat Wirtschaftspolitik etwas Magisches. Die Hohepriester kommen zusammen, um die Zeichen zu deuten. Sie warten auf ein Omen, auf einen Hinweis des großen Unsichtbaren, was die Zukunft bringen wird.

Die Gläubigen stehen davor und erwarten das Verdikt der Weisen. Doch leider: Die Zeichen bleiben uneindeutig, die Worte der Hohepriester vage. Das Warten geht weiter. Und die Frage steht im Raum: Wie groß ist das bevorstehende Unheil?

So ungefähr ist die Situation derzeit: Anleger und Spekulanten hängen an den Worten der Notenbanker wie die Gläubigen an den Lippen der Hohepriester. Die Gemeinde ist nervös. Einige Bemerkungen haben in den vergangenen Wochen dafür gesorgt, dass viele Milliarden Dollar und Euro in die eine oder andere Richtung strömten.

Die Kurse an den Börsen schnellten in die Höhe, als Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank Fed, sich diese Woche so vernehmen ließ, dass Anleger in ihrem Glauben bestärkt wurden, die Zinsen würden doch nicht rasch angehoben, wie mancher befürchtet hatte. Die Notierungen brachen kürzlich zeitweise ein, nachdem sich Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), so geäußert hatte, dass seine Worte als Hinweis auf eine baldige Straffung der Geldpolitik interpretiert werden konnten.

Donnerstag werden sich erneut die Augen auf Draghi richten, wenn er sich öffentlich über den derzeitigen Stand der Erkenntnis des EZB-Rats äußert.

Alle warten auf ein Zeichen: Zieht die Inflation an? Beginnen die Löhne zu steigen, weil angesichts robuster Konjunktur und sinkender Arbeitslosenzahlen in vielen Ländern Beschäftigte rar und begehrt sind? Und wenn das so ist, wie schnell werden dann die Notenbanken die immer noch üppige Geldversorgung verknappen?

Die Fixierung der Anleger auf die Notenbanken und der Hohepriester-Status, der ihren Führungsfiguren zugeschrieben wird, ist keine gute Entwicklung. Sie zeigt, wie mächtig die staatlichen Geldbehörden inzwischen sind: Massiv beeinflussen sie wichtige Preise, insbesondere die Kurse von Aktien, Anleihen und Währungen. Unter Marktwirtschaft stellt man sich gewöhnlich etwas Anderes vor.

1 / 4

Nachrichtenticker

Leser-Empfehlungen