09.02.2018 
Langweilig, inkonkret - aber bewundernswert

Die neue Groko im Visions-Check

Eine Meinungsmache von Jens-Uwe Meyer
Horst Seehofer, Angela Merkel und Martin Schulz
DPA
Horst Seehofer, Angela Merkel und Martin Schulz

Kennen Sie den alten Kantinenwitz? "Ich hätte gerne eine Frikadelle mit Brötchen." "Brötchen ist schon drin." "Nein, mit Extra-Brötchen." "Extra-Brötchen ist auch schon drin." So in etwa fühlt sich der neue Koalitionsvertrag unserer mutmaßlich neuen Regierung an. Solide und unaufgeregt. Handwerklich in Ordnung. Mit ganz vielen Extra-Brötchen drin.

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH. Mit neun Büchern (u.a. "Radikale Innovation", "Digitale Disruption") und mehr als 100 Fachartikeln ist er einer der engagiertesten Innovationsvordenker im deutschsprachigen Raum. Er berät mittelständische Unternehmen und Konzerne.
    www.jens-uwe-meyer.de

Seien wir fair: Die neue Groko ist mehr als nur Frikadelle mit Brötchen. Schon eher ein ausgewogenes Kantinenmenü: Schweineschnitzel mit Kartoffeln, Rotkohl und brauner Soße für die Traditionalisten. Soja-Gulasch für die Veganer. Und Gnocchi für die Exoten. Macht satt. Mehr aber auch nicht. Deshalb würden auch die wenigsten Kantinenchefs ihre Menüs anpreisen als "Aufbruch in ein neues kulinarisches Zeitalter". Die Groko tut aber genau das. Vollmundig wird in der Einleitung eine große Vision beschworen. Doch wo ist sie? An vielen Stellen sind zwar rudimentäre Ansätze von Visionen erkennbar. Doch schon im nächsten Satz werden sie wieder eingeschränkt. Kostprobe gefällig?

Die Digitalisierung der Verwaltung "Bis 2022 wird Deutschland die modernste digitale Verwaltung Europas haben. Schluss mit der Zettelwirtschaft beim Finanzamt - die Groko macht die Steuererklärung zum Kinderspiel. Nie wieder Schlange stehen im Rathaus! Deutschlands Verwaltungen mutieren zu erstklassigen digitalen Servicecentern." So in etwa hätte das Thema im Koalitionsvertrag stehen können. Tut es aber nicht.

Bis 2022 sollen alle geeigneten Prozesse digitalisiert werden. Doch wer bestimmt, welche Prozesse geeignet sind? Digitale Wartemarken per App ziehen? Antragsformulare, die noch nicht digitalisiert sind, als PDF zur Verfügung stellen? Oder das Bürgeramt, das auf Email-Anfragen zuverlässig innerhalb von sechs Stunden antwortet? Die Ziele der Koalition sind so unkonkret, dass jeder hineininterpretieren kann, was er möchte. Wer euphorisch in die digitale Zukunft blickt, wird sich genauso bestätigt fühlen, wie die digitalen Skeptiker.

Direkte Demokratie Kurz zur Erinnerung: Wir leben im digitalen Zeitalter, in dem Unternehmen auf Methoden wie Open Innovation und Crowdsourcing setzen. Auf Plattformen wie ISPO Open Innovation werden die Konsumenten direkt in den Entwicklungsprozess neuer Produkte eingebunden. Theoretisch eine riesige Chance für die Demokratie. Man könnte mit neuen Formen der Bürgerbeteiligung experimentieren, digitale Bürger-Communitys schaffen, die politische Fragen und ihre Auswirkungen erörtern und gemeinsam Lösungen erarbeiten. Eine moderne Form der Bürgerbeteiligung, die das alte System aus Lobbyisten und anderen Interessensvertretern ersetzt. Zumindest in Teilbereichen könnte man damit experimentieren. So wie früher die Piraten, nur eben professionell. Theoretisch steht das im neuen Koalitionsvertrag sogar drin. Allerdings nur sehr theoretisch.

Eine Kommission soll geeignete Vorschläge erarbeiten, um Elemente der direkten Demokratie vorzuschlagen. Wieder so ein Punkt, an dem Politik-Innovatoren (falls es sie gibt) genauso jubeln können wie die Gegner solcher Ansätze. Während der eine sagt: "Wir beschäftigen uns jetzt ernsthaft erstmals im Kreise ausgewählter Experten mit innovativen Demokratieansätzen", kann der Skeptiker sagen: "Den ganzen Unsinn haben wir verhindert, das macht jetzt ein Laberkreis mit Bedenkenträgern. Da kommt ohnehin nichts bei raus."

Visionen in homöopathischer Dosis Nehmen wir an, ein Bilanzbuchhalter, ein Ingenieur und ein Verwaltungsbeamter werden damit beauftragt, ein visionäres Strategiepapier zu entwickeln. Egal worum es geht, Sie ahnen es bereits: Die Drei werden keinen Begeisterungssturm entfachen. Das Papier wird so spannend wie ein Handelsregisterauszug. Irgendwie ist alles drin, aber am Ende doch nichts richtig. Solide gemacht, rechtlich durchgeprüft und von allen Risiken und Nebenwirkungen befreit. Das Papier tut keinem weh, es klingt durchdacht. Und logisch. Aber es enthält keinerlei Feuer. Und genau das ist das Problem des Groko-Vertrags. Begeisterung sieht anders aus.

Aber muss das unbedingt schlecht sein? Wer die Strategiepapiere der Dax-30-Unternehmen durcharbeitet, hat genau so viel Mühe, die Augen offen zu halten und nicht vor Langeweile einzuschlafen. Und obwohl diese Unternehmen jedes Jahr für ihre weitgehend visionsbefreiten Strategien gescholten werden, sind sie wirtschaftlich größtenteils extrem erfolgreich. Das gleiche kann man auch unserem Land attestieren: Nach acht Jahren "langweiliger" Großer Koalition steht Deutschland wirtschaftlich gut da. Wir werden bewundert.

Ist das Erfolgsgeheimnis vielleicht gar die Langeweile, die Papiere wie der neue Koalitionsvertrag verbreiten? Ist es unsere Mentalität, dass wir lieber auf das Solide setzen, wenn die Wahl haben zwischen großen Visionen und nüchternen Handlungsplänen? Vielleicht sollten wir uns eingestehen, dass wir im Herzen zwar von Visionen träumen, aber am Ende des Tages mit der ruhigen Hand der Kanzlerin und der langweiligen Stabilität einer Groko doch am besten klar kommen? Vielleicht müssen wir einfach zugeben, dass wir im Grunde unseres Herzens Langweiler sind. Und die Groko am Ende des Tages einfach nur ihre Arbeit macht. Solide Regierungsarbeit. Ohne Visionen. Gulasch halt. Heute mit Erbsenpüree.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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